Eine Sprache der Liebe…

… ist eine Sprache der Natur. Essay von Claudia Acklin (2)

„Unsere Tage werden wie die Blüte sein, die so hell um dich herum blüht.“  Liedtext aus: Der Wächter – der grosse und einsame Gott, südkoreanische Serie von 2016

Ich habe in meinem Leben einige Liebesbeziehungen erlebt. Schöne und schwierige, lange und kurze, sanfte und heftige. Doch verstanden habe ich die Liebe dabei kaum. Ich war oft voller Sehnsucht, tausend Schmetterlinge flatterten in meinem Bauch. Waren wir endlich zusammen, war alles wunderbar. Später jedoch erwiesen sich die Gefühle der Verliebtheit als von kurzer Dauer. Ich hangelte mich von Abgrund zu Abgrund und überwand Einsamkeit und Schmerz mitten in einer vermeintlich glücklichen Beziehung. Ich habe die Landschaften dieser Lieben durchschritten, ohne sie wirklich gesehen zu haben. Doch kann man lieben, ohne die Liebe zu verstehen?

Heute weiss ich, dass es für ein wirkliches Durchschreiten dieser Landschaft etwas Arbeit braucht. Es wäre wohl hilfreich gewesen, wenn wir in der Schule ausser Rechnen und Schreiben auch auf die Kunst des Liebens vorbereitet worden wären. Nicht auf der Ebene von Schulbüchern oder Ratgebern, die unsere Bibliotheken füllen, auch nicht mit der öden Anschaulichkeit des Sexualunterrichts. Es hätte vielmehr um die Gefühle selbst gehen müssen, um die Sprache, mit der man sie ausdrückt, um Poesie und ihre Bilder von Spaziergängen in nebligen Wäldern oder entlang plätschernder Bäche mit ihren flirrenden Libellen. Wenn Sie dies eine etwas seltsame Art und Weise finden, unsere Liebesfähigkeit zu verbessern, dann lesen Sie weiter.

Vor einigen Monaten sind in meinem Leben zwei Dinge gleichzeitig passiert: Ich machte mich wie viele andere zuvor auf, einen Liebesroman über einen Stoff aus meiner Jugendzeit zu schreiben, der wie ein Versprechen lagerte und Staub angesammelt hatte. Ich warf mich mit Gusto in die Arbeit, straffte die Handlung, überprüfte die Themen in Bezug auf ihre aktuelle Relevanz für mich und gar für die Welt. Gleichzeitig verbrachte ich viele Stunden mit einem iPad in der Hand auf meinem Sofa, wo ich nach Abschluss meines Berufslebens müde und körperlich angeschlagen gelandet war. Produktiv und effizient zu sein wie früher ging einfach nicht. Netflix zu konsumieren jedoch schon.

Dabei stolperte ich über ein K-Drama, eine südkoreanische Romanze mit dem sprechenden Titel Crash landing on you – Bruchlandung auf dir, die zu meinem Amusement am Rande auch noch in der Schweiz spielte. Diese Bruchlandung auf mir hatte ich nicht kommen sehen. Ich tauchte ein in einen nicht enden wollenden Reigen von Liebesfilmen und Komödien, von Historien- oder Fantasy-Serien, von Thrillern… Ich watete dabei weit hinein in die Welt der bekannten – und deshalb nicht weniger befriedigenden – romantischen Klischees, stolperte dabei aber über eine südkoreanische Andersartigkeit, die nicht nur mein Herz zum Klopfen brachte, sondern auch meinen Geist kitzelte. Noch weniger hatte ich erwartet, dass mich diese doch recht andere Art der Anbahnung von Liebesbeziehungen in südkoreanischen Serien ins Grübeln bringen würde und mich schliesslich auf die nicht wirklich beantwortbare Frage zurückwerfen sollte, was Liebe überhaupt ist und wie sich für mich eine Sprache für die Liebe anhören und anfühlen müsste.

Wie ist es möglich, dass sich in K-Romanzen das Verlieben wie ein Blütenrausch oder wie der Zauber des ersten fallenden Schnees anfühlt? Es dauert oft Jahre, bis in ihnen eine Liebe vollständig erblüht, vor allem aber auch zugelassen und gelebt wird. Männer sind wahre Helden und dennoch verletzlich. Frauen sind Kämpferinnen und schlafen dennoch mit sinnlos kitschigen Plüschtierchen im Bett. Hinzu kommt, dass die Dialoge eine besondere poetische und emotionale Tiefe haben. Viele sind von Naturmetaphorik durchtränkt.

Ganz anders in unseren Breitengraden: In westlichen Serien herrscht bei der Beziehungsanbahnung ein Ex-und-hop-Tempo vor. Der erste Sex muss gleich auch als Beweis dafür herhalten, dass es sich wohl um wahre Liebe handelt. Natürlich gibt es auch in westlichen Dramen viel Herzschmerz. Aber kein anständiger romantischer Held einer amerikanischen Serie würde seiner Angebeteten ein Gedicht vorlesen oder ihr eine Liebeserklärung in Form einer Wettervorhersage machen. Ich bemerkte plötzlich: Diese Durchdringung der Liebessprache mit Poesie hatte ich vermisst. Und dass man sich in der südkoreanischen Unterhaltungsindustrie daran abarbeiten kann, was die Essenz von Liebe ausmacht.

Ich befürchte, meine Prämisse ist bereits recht kitschig ausgefallen. Doch die K-Dramen bewegen mich so, dass ich den Code der Meister und Meisterinnen des Geschichtenerzählens knacken möchte. Natürlich werde ich dabei nicht ohne Klischees auskommen. Ich werde mich notgedrungenermassen gar mit Kitsch beschäftigen müssen, der unter Umständen auch als Suche nach der Essenz von Liebe verstanden werden könnte..? Ich werde nicht denken, dass meine Interpretationen der K-Dramen die koreanische Gesellschaft so widerspiegeln, wie sie ist. Vielmehr werde ich sie als traumartige, humorvolle, wilde, kluge, moderne Märchen verstehen, die uns ZuschauerInnen trösten, beruhigen und manchmal erziehen möchten. Als ehemalige Filmkritikerin war ich nie der Meinung, dass die Popkultur nur Produkte für das dumbe Volk hervorbringt, sondern dass die Traumfabriken dieser Welt einen wertvollen service public leisten, weil wir ein Recht darauf haben, ab und zu dem drögen Alltag zu entfliehen.

Ich habe mich in den letzten Monaten gefragt, ob die asiatischen K-Dramen mit ihrer erfrischenden Andersartigkeit nicht der Zerrüttung der Liebe im Westen seit den 60er- und den 70er-Jahren trotzen – einer Entwicklung, vor der Erich Fromm bereits 1956 in seinem Buch Die Kunst des Liebens gewarnt hat. Er schrieb damals: „In einer Kultur, in der die Marketing-Orientierung vorherrscht, in welcher materieller Erfolg der höchste Wert ist, darf man sich kaum darüber wundern, dass sich auch die menschlichen Beziehungen nach den gleichen Tauschmethoden vollziehen, wie sie auf dem Waren- und Arbeitsmarkt herrschen.“ Sein Buch ist aktueller denn je, aber vor dem Hintergrund der Klimakrise ist es weniger gut gealtert. So hat er etwa den Taoismus und Schamanismus nicht verstanden, der den philosophisch-spirituellen Boden der koreanischen Kultur bildet und wichtige Perspektiven für ein nachhaltiges Leben bereithält. Doch ich greife vor.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass Südkorea, das vor Kurzem fast noch ein Entwicklungsland war, in den letzten Jahren die Welt mit einer Welle – einer hallyu – der Kulturprodukte und mit soft power erobert hat. Ich werde versuchen darzustellen, dass die asiatische Popkultur der westlichen etwas voraushat. Der Beweis dafür ist die Tatsache, dass die K-Popkultur neben anderen asiatischen Ländern, Süd- und Nordamerika und Europa wie einen Flächenbrand heimgesucht hat.

Und ich stelle die Frage, ob die Fähigkeit, Poesie und Naturmetaphern in der Sprache für die Liebe zu nutzen, nicht sogar eine süsse Waffe gegen den Klimawandel ist. Denn wer verstanden hat, dass wahre Liebe immer auch All-Liebe bedeutet, die Liebe für einfach alles, und dass in dieser «All-Lieber» die Natur stets inbegriffen ist, für den wird sie eine Fülle von Bildern und Worten bereithalten, um die höchsten der Gefühle auszudrücken. Diese All-Liebe wird uns aber auch in Angst und Schrecken versetzen, wenn die Natur verschwindet, die uns zu einer Sprache für die Liebe inspiriert hat.

Andersartigkeit in einigen Punkten

Vereinfacht gesagt: Erst eine wahre Liebesbeziehung lässt uns die Welt in all ihren Facetten erleben. In den südkoreanischen Dramen ist es jedoch ein zäher Prozess, dorthin zu gelangen. Für westliche Sehgewohnheiten bahnen sich Beziehungen in K-Dramen unendlich langsam an. Die ProtagonistInnen pendeln zwischen Anziehung und Abstossung hin und her, obwohl bald klar ist, dass sie von nichts Geringerem als dem Schicksal dazu bestimmt sind, einander zu finden. Das Konzept der schicksalshaften Beziehung ist im Westen schon etwas angeknackst oder gar durch die Idee der seriellen Monogamie mit passenden Lebensabschnittspartnern verdrängt worden. In südkoreanischen Romanzen ist jedoch die erste Liebe magisch und der Ursprung einer langanhaltenden Beziehung. Oft stellen die Protagonisten mitunter fest, dass sie sich zuvor schon begegnet sind, ohne dies bemerkt zu haben. Beziehung entsteht also nicht über Nacht. Vielmehr muss das Paar sämtliche Beziehungsprobleme mehrfach durchgespielt haben, bevor es zueinander findet.

Glücklicherweise löst sich in K-Dramen die Anspannung zwischen den Liebenden nach rund zwei Dritteln der Episoden der Serien auf. Doch nachdem die zwei Ja zueinander gesagt haben, stapeln sich weitere Hindernisse: die Erwartungen der Eltern; unterschiedliche Herkünfte und sozialer Status; Geheimnisse, die plötzlich zur Last werden. In südkoreanischen K-Dramen ist eine konfuzianische, durch Hierarchie geprägte Familien- und Arbeitsordnung stets präsent. In ihnen gibt es Aussenseiterinnen, Rebellen oder Spinner, die den Status Quo aufzumischen versuchen. Ihnen wird es nicht einfach gemacht. Doch die Liebe ist die Himmelsmacht, die disruptiv wirkt und selbst althergebrachte Rollen und Hierarchien hinterfragt. Wenn auch diese gesellschaftlichen Hürden überwunden sind, folgt das happy ending, welches sowohl romantisch wie realistisch ist, weil sich das betreffende Paar bereits intensiv aufeinander eingespielt hat.

Explizite Sexszenen sind in K-Dramen selten ein Thema. Es scheint den Protagonisten nicht in erster Linie um physische Anziehungskraft zu gehen und schon gar nicht um eine rasche Bedürfnisbefriedigung („Süsse Dinge isst man nicht aufs Mal“, sagt ein Wassergott im Drama Die Braut des Habaek). Sondern Zuerst müssen die Verliebten beweisen, ob sie sowohl dem andern helfen wie auch für sich selbst sorgen können. Die Figuren horchen also zuerst einmal in sich hinein und beobachten, welche Gefühle am Entstehen sind. Und sie können sehr differenziert über ihr Innenleben sprechen, selbst wenn ihnen vieles unklar ist, oder sehr beredt schweigen. Nicht die fatal attraction ist sexy, sondern Fürsorge für sich selbst und später die Hingabe an den andern.

Die Drehbuchautorinnen und -autoren sind gewiefte Traumatologen. Kaum eine Figur kommt ohne eine mitunter dramatische, verdrängte Geschichte aus der Kindheit oder Jugend aus, die bei der Begegnung mit dem Schicksal unweigerlich aufpoppt. Oft scheint das Trauma gar die Beziehung zu verunmöglichen, sicher aber zu behindern. Hinter den vermeintlich leichtfüssigen Tanzschritten aufeinander zu und voneinander weg verstecken sich Gefühle des Selbstzweifels, der Trauer, der Wut – oder der Scham.

Scham scheint mir ein im Westen unterschätztes Gefühl zu sein. Wir beschäftigen uns zwar gerne mit Depressionen aller Art, mit Zwangsstörungen, mit Autismus oder Hyperaktivität. Aber über Themen der körperlichen wie der sozialen Scham rollen wir einfach hinweg. Hat uns die sexuelle Revolution der 70er-Jahre wirklich so befreit? In der Werbung oder in westlichen Produkten der Unterhaltungsindustrie ist Nacktheit selbstverständlich. In der Phase der Verliebtheit zeigt man, was man hat und was der andere kriegen wird, nicht was man fühlt. In den K-Dramen ist hingegen das Sich-zum-ersten-Mal-nackt-Sehen ein beinah existenzieller Moment der Entwicklung innerhalb der Liebesbeziehung.

Natürlich sind die sich auftürmenden Hindernisse in einer sich anbahnenden Liebesbeziehung eine der ältesten Erzähl-strategien der erotischen Literatur. Im Idealfall haben die zwei Liebenden in spe zu Beginn Vorurteile oder sind zu stolz – Price and Prejudice lässt grüssen –, oder ihre Familie sind verfeindet wie in Romeo und Julia. Speziell an K-Dramen ist jedoch die Akribie, mit der sowohl soziale und kulturelle, wie auch politische und ethische Hindernisse zwischen den Liebenden wahrgenommen und diskutiert werden. Selbst hypothetische Probleme im Kopf eines Liebenden müssen überwunden werden, oft mithilfe von Gesprächen mit Freundinnen und Bekannten. Solange und so viele Male, bis die Hauptfigur verstanden hat, dass selbst eine unangenehme Eigenschaft des oder der anderen oder ein rätselhaftes Verhalten sein Gutes haben kann.

Dass man dem ersten Schwarz-Weiss-Bild einer Beziehung misstraut, entspringt einer Yin-Yang-Denkfigur. Im Guten ist stets auch das Schlechte enthalten und umgekehrt. Diese Grundannahme wirkt auch bei gröberen Konflikten deeskalierend. Während man im Westen bei Unverträglichkeiten und ersten Problemen bald einmal «… und tschüss» sagen würde, lässt man in K-Dramen den Dingen Zeit. Die Konflikte sollen sich ohne zu viel Einmischung entwickeln und auflösen können. Auch dieser Trick ist uralt: Wenn sich die Erfüllung der Liebe nach vielen Hürden endlich Bahn bricht, wirkt die Auflösung der Probleme wie ein wohlmundendes Läckerli zum Kaffee.

Schmunzelnd erkenne ich die didaktische Absicht hinter solchen erzählerischen Pirouetten. K-Dramen erfüllen die Anforderung an Brot und Spiele für das Volk gekonnt und befriedigen das Bedürfnis nach einer éducation sentimentale meisterhaft, Folge um Folge.

Hintergründe – ohne abschreckende Wirkung

Ich habe versucht, mich über die südkoreanische Erfolgsgeschichte der K-Popkultur schlau zu machen, die umso mehr glitzert und scheint, wenn man sie jene von Nordkorea gegenüber stellt, das ein eher dunkles Bild von sich abgibt. Die internationale Hallyu/Welle soll der Sänger Psy losgetreten 2012 haben, mit seinem seltsam jockey-artigen Tanz, den er zum Song Gangnam Style ausführt. Damals fand ich ihn ziemlich lächerlich, heute weiss ich aber, dass Psy sich über die Geldelite lustig macht, die im reichen Gangnam, einem Quartier von Seoul, lebt. Ausgerechnet ein Nestbeschmutzer hat dem K-Pop Zugang zum internationalen Markt verschafft. Es spricht für die SüdkoreanerInnen, dass sie mit Psy lachten und sich sowohl über den weltweiten Erfolg dieses Liedes freuten als auch über den Sarkasmus gegenüber dem Geldadel die Hände rieben.

Schon zuvor, Anfang der Nullerjahre, hat Südkorea auf den asiatischen Mark geschielt und in Japan eine Möglichkeit des Absatzes gefunden. Den Durchbruch von K-Dramen über den Heimmarkt hinaus gelang 2002 mit Winter Sonata. Auf diese Serie, in der zwei Liebende getrennt werden, nur um sich Jahre später wieder zu begegnen, reagierten japanische Frauen mit ekstatischer Begeisterung. Offenbar war es für sie eine Offenbarung, dass die Männlichkeit des koreanischen Hauptdarstellers friedlich mit seiner Emotionalität koexistieren konnte. Für das einst durch Japan gebeutelte Südkorea war es eine Genugtuung, den ehemaligen Feind auf diese Weise zu erobern.

Sanftheit gepaart mit unbändigem Willen oder Kampfgeist ist ein wiederkehrendes Thema in K-Dramen. Die koreanisch-amerikanische Autorin Euny Hong beschreibt in ihrem Buch The Birth of Korean Cool: How One Nation is Conquering the World Through Pop Culture ein Gefühl namens han, für das es keine direkte Übersetzung gibt. Han besteht aus unterdrückten Ressentiments, aus Wut oder gar Selbsthass. Diese Gefühle seien tief in einer underdog-Identität vieler Koreanerinnen und Koreaner verwurzelt, deren Entstehung Hong unter anderem mit der brutalen Zerstörung der 500 Jahre alten Joseon-Dynastie durch die japanischen Besatzer erklärt. Sie hatten das Land von 1910 bis 1945 brutal unterjocht.

Han treibt auch in aufblühenden Liebesbeziehungen der K-Dramen sein Unwesen in Form sozialer Scham, wenn etwa die Hauptfigur einer mit dem Makel der Armut behafteten Familie entstammt oder wenn sie für ihren Ehrgeiz, in der Arbeitswelt voranzukommen, oder ihren Wunsch nach sozialer Mobilität lächerlich gemacht wird. Ich finde mich mit meiner eigenen Familiengeschichte, in der es Migration und Schicksalsschläge gab, in dieser sozialen Form der Scham wieder. Ich würde sogar sagen, dass meine Selbstwehr wie in vielen K-Dramen darin bestand, mich mit meiner Herkunft zu beschäftigen und Eliten zu verabscheuen.

Euny Hong beschäftigt sich mit weiteren Gründen, die zur internationalen Beliebtheit von K-Pop geführt haben. So beleuchtet sie die Rolle der Regierung bei der Förderung der koreanischen Creative Economy und wie diese Regierung zur weltweiten Verbreitung der Produkte beigetragen hat. Als das Buch 2014 herauskommt, klingt es, als sei die Regierung die alleinige Treiberin der K-Popkultur gewesen. Auch in Korea war es wie bei Englands Margaret Thatcher eine Frau, Präsidentin Park Geun-hye, die auf die Creative Economy als Wirtschaftsfaktor setzte. Die Industrie sei dem Ruf der Präsidentin gefolgt. Rund zehn Jahre später distanziert sich Hong in einem Artikel in der New York Times von diesem kausalen Zusammenhang. Man hat sie offenbar dafür angegriffen, dass sich in ihrer Interpretation des Aufstiegs des K-Pops die Autorinnen und Produzenten, die eigentlichen Akteure der Kreativindustrie, in der Rolle der Marionetten wiederfinden.

Dennoch ist ihre Recherche für eine Westlerin interessant. So beschreibt Hong die südkoreanische Kreativwirtschaft als eine, die weniger auf das Individuum fixiert als diejenige der USA. In Südkorea werden junge Talente bis zu 13 Jahre lang unter Vertrag genommen und ausgebildet, bis sie in einer der zahlreichen Boy- und Girl-Bands zu Teams geformt werden. Unlängst haben jedoch bekannte K-Pop-Stars ihre eigenen Firmen verklagt, weil sie sich durch sie manipuliert und unter Druck gesetzt gefühlt hatten.

Hong hat übrigens auch ein Buch mit dem Titel Nunchi geschrieben, das hilft, koreanische Umgangsformen besser zu verstehen. Nunchi ist die Fähigkeit von Koreanerinnen und Koreanern, Situationen und Menschen wie etwa die eigene Arbeitsumgebung inklusive Chef intuitiv richtig einzuschätzen und damit die eigene Position zu festigen. Diese Fähigkeit ist je nach Person mehr oder minder entwickelt. Die Helden und Heldinnen von K-Dramen aber verfügen über ein hohes Mass an nunchi, wie ich oben schon beschrieben habe. Dieses Konzept erklärt gut, weshalb sich koreanische Menschen von aussen betrachtet oft etwas seltsam verhalten. Die von Hong beschriebenen Prinzipien von nunchi besagen etwa: Lernen Sie zu beobachten. Beobachten Sie, um Informationen zu erhalten. Verpassen Sie niemals die Gelegenheit, den Mund zu halten. Halten Sie sich an die Regeln. Oder: Seien Sie flink und schnell. (Wenn man herausgefunden hat, was zu persönlichem Erfolg verhilft.) In den USA wurde das Konzept der emotionalen Intelligenz entwickelt, das jedoch nicht ganz deckungsgleich mit nunchi ist.

Die Kunst des Liebens ist, die richtigen Worte zu finden

„Wie lernten wir uns kennen? Eines Tages flog ein Schmetterling wie ein Blütenblatt und flatterte umher. Wie kamen wir bis hierher? Die Ecke der Strasse, wo wir uns an einem Frühlingstag unsere Liebe gestanden. Es war ein Wunder. Wir hielten Händchen, als wir die Strasse entlang gingen. Der Löwenzahn unter dem Telefonmast schwankte hell. Wie schafften wir es so weit? Entstand unsere Liebe, weil wir so schöne Momente durchschritten? Ich bin der Ansicht, dass es keinen Zufall in der Liebe gibt. Ich glaube, dass das Universum selbst die kleinsten Dinge berechnet, wie den Flügelschlag eines Schmetterlings, damit sich zwei verlieben. Ein unvermeidliches Wunder. Ich wollte wohl nicht glauben, dass wir uns zufällig trafen. Das Einzige, was ich tun kann, ist mein Bestes zu geben. − Im Moment durchschreite ich Deine Liebe.“

 Aus: Ein Wort, mächtiger als die Liebe (AutorIn nicht bekannt)

 

Das K-Drama The Bride of Habaek beginnt mit viel Situationskomik. Um den Thron des Göttlichen Reiches zu besteigen, muss Habaek, der Gott des Wassers, die Menschenwelt besuchen und drei heilige Steine finden, die von drei Wächtern behütet werden. Da Habaek beim Fall vom Himmel seine göttlichen Kräfte verloren zu haben scheint und nackt wie ein Baby auf der Erde ankommt, ist er auf Hilfe angewiesen. Diese soll ihm Yoon So-ah bieten, eine Psychiaterin, die ihre eigene Praxis betreibt und mit finanziellen Problemen und Schulden zu kämpfen hat. Sie weiss nicht, dass sie die letzte Nachfahrin einer Familie ist, die sich vor vielen Generationen den Göttern zum Dienst verpflichtet hat. Habaek ist für die Psychiaterin nur ein weiterer nut case, der sich als Gott ausgibt. Erst später beginnt So-ah an Habaeks Göttlichkeit zu glauben.

Der 2800 Jahre alte Wassergott muss sich an die Absurditäten einer modernen Gesellschaft gewöhnen, etwa an gigantische Werbeflächen mit ebenso monströs-grossen Köpfen darauf oder an die Kommunikation mit Handys. Er macht sich über die verdrehten Werte der materiellen Welt lustig, wobei auch er nicht ganz gegen den Charme schöner Autos oder elaborierter Hemden der südkoreanischen Modeindustrie gefeit ist. Doch der Kontakt des Gottes mit den Menschen öffnet ihm auch die Augen für die conditio humana: Erdlingen erscheint das Leben kurz, was sie so nervös macht, als hielten sie einen heissen Stein in Händen. Es wird hinlänglich klar, dass Menschen und Götter nicht gut aufeinander zu sprechen sind. Mehr noch, die Beziehung zwischen Göttern und Menschen ist so sehr in Unordnung geraten, dass die Götter Gefahr laufen, von der Oberfläche der Welt zu verschwinden.

Einige können sich vielleicht noch an die Reiseberichte Der Papalagi von Erich Scheurmann von 1920 erinnern, das in den 80er-Jahren nochmals eine Erfolgswelle feierte. Ein Südseeinsulaner kommt nach Europa und stösst dabei auf alle möglichen kulturellen Unterschiede zwischen seiner und der westlichen Welt. Zu Beginn der 80er-Jahre wurde das Buch als authentische Erfahrung des Papalagi gelesen. Erst später wurde deutlich, dass es sich um eine Fiktion des deutschen Schriftstellers handelt. Der Kontrast zwischen den Welten war jedoch äusserst amüsant beschrieben. Genauso in The Bride of Habaek. Während Habaek erst einmal das Konzept von Geld verstehen muss, wünscht sich So-ah mehr davon oder sie sehnt sich gar nach gemeinsamen Weekends in New York.

Da er mittellos ist, nistet sich Habaek förmlich in ihrem Leben und ihrem Haus ein. Ausserdem ist So-ah aus seiner Perspektive ja seine Dienerin. Kieselstein um Kieselstein wird wie oben weggeräumt, bis die zwei sich ihrer Liebe bewusst werden.

Nicht ozeanische Gefühle und grenzenlose Sehnsüchte sind der Kern der erblühenden Liebe, sondern das Ausräumen der vielen Missverständnisse und die häuslichen Routinen, die das ungleiche Paar entwickelt. Sie bilden das Vehikel des Beziehungsaufbaus und letztlich die tägliche Praxis des Liebens. Habaek wartet jeden Abend vor der Haustüre auf So-ah und schimpft sie aus, wenn sie zu spät kommt. Es wird gemeinsam geputzt, das Haus in Stand gestellt, gekocht und gegessen.

Im K-Drama The Bride of Habaek geht es um die Transformation der Überheblichkeit des Wassergottes hin zu bedingungsloser Liebe und den Selbstzweifeln der Psychiaterin hin zu mehr Selbstliebe. Die Gefühle zwischen dem Gott und der Sterblichen können gar erst vollständig erblühen, als So-ah den Verlust ihres Vaters angenommen und Habaek erkannt hat, dass er eigentlich auf die Erde gekommen ist, um in der Liebe seine Menschlichkeit zu finden.

Die Geschichte eines Gottes zu erzählen, der gleichsam vom Olymp heruntersteigt, um Lampen zu reparieren, spielt mit der Fallhöhe seiner monumentalen Aufgabe auf Erden und den kleinen Wonnen des häuslichen Alltags, den er mit seiner sterblichen Geliebten entwickelt. Zudem muss Habaek auch Begriffe und eine Sprache finden, die seine (Liebes-)Erfahrung zu fassen vermögen. Er leiht sich dafür zunächst die Worte eines Schriftstellers – siehe das oben erwähnte Zitat –, die er seiner Angebeteten vorliest, während diese ganz prosaisch die Wäsche auf dem Balkon aufhängt. So etwas Grosses wie die Liebe kommt auf den Schwingen der Poesie daher oder wächst wie eine zarte Blume am Wegrand unter einer Strassenlaterne.

Ausgerechnet dieses K-Drama hat mich auf die Idee gebracht, Erich Fromm nochmals zu lesen. Irgendwo war erwähnt worden, dass Die Kunst des Liebens in dieser Serie zitiert werde. Ich habe überall danach gesucht, doch obwohl in südkoreanischen Serien Verweise auf Gedichte oder die (Welt-)Literatur häufig vorkommen, konnte ich die betreffende Stelle nicht finden. Dennoch scheint Fromms Überlegungen zur Liebe eine Art Leitfaden für die Entwicklung der Hauptfiguren beigesteuert zu haben.

Die Kunst des Liebens ist keine Technik, sondern eine Praxis

Rainy Day

As when cloud meets cloud
with a thunderous crash,
so too would I meet you
and cry out, unthinking.

As when cloud collides with cloud
and all the sky lights up at once,
I hope that when I collide with you,
I will see again the path I lost.

The rain’s song sweeps high, then low—
I cannot hope to sing along.
But you are dazzling bright
as you tell me what it means:

„The rain must meet the rain
for either to get wet.”

Ma Jonggi (oder Mah Chonggi, n.d.), übersetzt von David Bowles, 2022. Vorgelesen im K-Drama Forecasting Love & Weather (2022)

Der deutsche Sozialpsychologe und Psychoanalytiker Erich Fromm ist eine verlässliche Instanz, wenn es um die Liebe geht. Der Titel seines Buchs von 1956 Die Kunst des Liebens lehnt sich vielleicht an Ovids Ars amatoria an. Damit sind die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Geistesgrössen aber auch schon vorbei.

Der römische Autor hat in der Antike, genauer zu Kaiser Augustus’ Lebzeiten, recht schlüpfrige Ratschläge zur Kunst der Verführung geschrieben. Ich kann mich an folgendes Beispiel erinnern: Mann setze sich im Kolosseum auf den zweiten Sitz in der Reihe neben eine Frau auf dem ersten Sitz. Das ermöglicht es dem Mann, den Körperabstand zum «Opfer» nach und nach zu verringern. Die Frau wird irgendwann einmal nicht mehr ausweichen können, will sie nicht vom Sitzplatz fallen. Die Verwechslung der Kunst des Liebens mit der Kunst der Verführung zieht sich wie ein roter Faden durch die westliche Literatur (Casanova, Les liaisons dangereuses, usw.). Vereinfacht gesagt, besteht diese Vorstellung aus einer Reihe von Taschenspielertricks nach dem problematischen Motto: «In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt».

Ganz anders bei Erich Fromm, der sein Buch in eine Theorie und eine Praxis unterteilt. In der Theorie argumentiert er, dass geliebte Menschen oder die Liebe oft dafür herhalten müssen, ein existenzielles Problem zu lösen. Wir alle haben ein «Loch» in unserer Seele. Kulturgeschichtlich geht die Entstehung dieses Lochs oder dieses Gefühls von Einsamkeit auf Adam und Eva zurück, auf den Verlust des Einsseins mit sich und Gott und die Vertreibung aus dem Paradies. Der Psychoanalytiker Fromm beschreibt ausserdem die landläufige Auffassung von Liebe als die so verzweifelte wie unfruchtbare Suche nach einem Menschen, der dieses Gefühl der Einsamkeit ein für alle Mal kompensiert.

Aus der Theorie folgert Fromm für die Praxis, dass nur diejenigen kunstvoll lieben können, die sich zuerst selbst so annehmen, wie sie sind. Erst dann sind sie fähig und bereit, zu geben und nicht nur zu nehmen. Liebe kommt also nicht als Koffer gefüllt mit Tricks daher, sondern ist eine Seinsweise und eine tägliche Praxis. Diese Erkenntnis ist nicht ganz neu, aber im Einzelfall muss sie dennoch verstanden und umgesetzt werden. Wer in sich ruht, wird auch wegstecken können, dass Liebende schon mal wie Schlechtwetterwolken zusammenstossen und dass eine Liebe nur reifen kann, wenn der Regen des einen den Regen des andern durchtränkt.

Die Leistungen von Erich Fromms Buch sind für mich jedoch weniger seine psychoanalytischen Konzepte, als die Tatsache, dass er in seinem Buch Kapitalismuskritik betreibt. Die schöne neue Warenwelt, die ab den 60er-Jahren mit einem nie gewesenen Konsumismus ihren Anfang nahm, verwandelte nicht nur Haushalte durch Kühlschränke, Dampfbügeleisen oder Fernsehern. Menschen begannen auch, die Logik des Konsums auf ihre Liebesbeziehungen zu übertragen. Letztere mutierten zum Warenumschlagplatz: Du gibst mir die gesellschaftliche Position durch deinen beruflichen Erfolg, ich führe dir dafür den Haushalt. Es gab die Nutz-Ehe schon viele Jahrhunderte zuvor. Aber mit dem Kapitalismus ist der äussere Nutzen gleichsam ins Herz der Liebe vorgedrungen.

Die starren Rollen der 60er-Jahre und davor mögen sich mittlerweile aufgelöst haben, aber im Einzelnen gibt es sie noch immer, wie den hartnäckigen Bodensatz in einem alten Weinfass. Wer könnte übersehen, dass ein Liebesleben heute auch die Form einer Parade von Bachelor und Bacheloretten annehmen kann? Oder dass die sozialen Medien heute nicht nur Desinformation, sondern auch einen unerträglichen Narzissmus befördern? Schöner Lieben folgt auf Schöner Wohnen, Schöner Urlaub machen und Schöner Essen, bildreich dargestellt und promotet auf Instagram oder Facebook.

Wir erleben zwar gerade einen gesellschaftlichen Umbruch durch die zunehmende Toleranz gegenüber der Vielfalt der Geschlechter und den damit verbundenen Rollen(erwartungen). Dies aber bei gleichzeitiger Verflachung unserer Lebenswelten und Identitäten durch die Gleichmacherei in den sozialen Medien. Diese wird nicht nur sozial, sondern technologisch vorangetrieben. Die Algorithmen der sozialen Medien und der Suchmaschinen liefern uns, was wir sehen wollen. Sie präsentieren uns, was wir bereits kennen. Mit jedem Mausklick werden wir dadurch gleicher anstatt individueller. Die Künstliche Intelligenz wird uns noch mehr mit artifiziellen Identitäten, Stilen und Geschmäckern versorgen. Da können in der Liebe keine Wolkentürme von unterschiedlichen Temperamenten und Temperaturen aufeinanderprallen. Da donnert und blitzt es nicht einmal mehr.

Auch wenn die südkoreanische Gesellschaft in den letzten 30 Jahren einen kometenhaften wirtschaftlichen Aufstieg erlebt hat, scheint ein Teil ihrer Kultur über ein Antigen gegen die Zerrüttung der Liebe und Romantik durch Konsumismus zu verfügen, die im Westen schon längst epidemische Ausmasse angenommen hat. Das mag daran liegen, dass das Leiden an der koreanischen Klassengesellschaft – wie sie übrigens durch einen Jahrhunderte-alten Konfuzianismus befeuert wurde – noch frisch im Gedächtnis vieler Koreaner und Koreanerinnen ist. So, dass sich ein Psy, der übrigens selbst der Oberschicht entstammt, genüsslich über die nouveaux riches lustig machen kann. Mit anderen Worten: die kreative Köpfe Koreas reflektieren offenbar den Unterschied zwischen (einst) arm und (heute) reich, zwischen echt und verwässert, zwischen anders und gleich. Vielleicht auch zwischen einer Liebe, die aus dem Inneren kommt, und einer, die nur von aussen betrachtet schön aussieht. Die koreanische Unterhaltungsindustrie muss sich aber sagen lassen, dass sie – genauso wie Hollywood mit seinen eskapistischen Geschichten – ganz gut von ihren K-Dramen lebt. Auch sie muss sich dem Vorwurf stellen, dass sie zur Kommerzialisierung von Liebe und Romantik beisteuert. 

Die Kunst des Liebens heisst, die Natur zu verstehen

 The Physics of Love

Mass is not proportional to volume.

 That girl as small as a violet,


that girl who floats like a petal


pulls me toward her

with a force
greater than the Earth’s mass.

 

In an instant,

like Newton’s apple,


I dropped with a thump


and rolled to her

without stopping.

 

Thump.

Thump.


My dizzy heart kept swinging


between Heaven and Earth—


it was my first love.

 

Gedicht von Kim In-yook (1963) in: Guardian: The Great and Lonely God (kurz: Goblin) (2016), übersetzt von David Bowles (2021)

K-Dramen kommen in einer breiten Palette von Genres daher. Neben Romanzen oder Historiendramen haben Koreanerinnen und Koreaner offenbar eine ausgeprägte Vorliebe für Fantasy. Doch südkoreanische Fantasy-Serien werden von anderen übernatürlichen Wesen bevölkert als jene im Westen: zum Beispiel von dokkaebis, Kobolden oder Zauberern, die in den Bergen leben, von Schamaninnen, neunschwänzigen Teufeln oder Sensenmännern und -frauen. Neben der Andersartigkeit, mit der sich Liebende über den Weg stolpern, umkreisen und schliesslich finden und wie Liebe in K-Dramen (vor-)gelebt wird, fasziniert mich besonders die Welt dieser Fabelwesen und ihre Nähe zum Übernatürlichen.

Bei uns Westeuropa kommt es auch eher selten vor, dass ein Gedicht so viel Begeisterung auslöst wie das oben zitierte aus einer Anthologie von 1963. The Physics of Love wurde nach Ausstrahlung der Serie neu aufgelegt. Das K-Drama, das ich hier kurz Goblin, Kobold, nenne, hat dies geschafft. Kim In-Yooks zeitloses Gedicht bringt die Anziehungskraft der ersten Liebe – wohlgemerkt die von einem 939 Jahre alten Kobold zu einem sterblichen Mädchen – mit einer wundervollen Mischung aus Naturmetaphern und Verweisen auf Naturgesetze auf den Punkt. Da hilft natürlich auch, dass Goblin eine der beliebtesten Serien Südkoreas ist.

Die Hauptfigur Kim Shin ist dazu verdammt, als unsterblicher Wächtergott der Menschen zu leben. Er wurde in einem früheren Leben als hoch dekorierter General der Goryeo Dynastie Opfer einer politischen Intrige und im Niemandsland verscharrt. Bis ein Schmetterling an seinem Grab auftaucht, Gott ihn wieder auferstehen lässt und er als dokkaebi wiedergeboren wird. In einer späteren Folge wird ihn ein Sensemann fragen: «Hast Du Gott schon mal gesehen?» Und er wird antworten: «Ja, ich glaube, er ist ein Schmetterling.»

Kim Shin ist todmüde von seiner langen Existenz als Unsterblicher unter Sterblichen. Ihm wurde prophezeit, dass er die Erde erst verlassen dürfe, wenn seine Braut, eine Sterbliche ihn von einem unsichtbaren Schwert befreie, das seit dem Verrat vor fast 1000 Jahren in seiner Brust steckt. Nur sie kann dieses Schwert herausziehen. Als Kim Shin bei der Lektüre von Kim In-Yooks Gedicht realisiert, dass er sich in seine Braut verliebt hat, ist er nicht mehr so sicher, ob er sterben will. Das Mädchen seinerseits hat wenig Lust, den Mann zu töten, den sie heiraten möchte. Diese Ausgangslage gibt dem ungleichen Paar gleich zwei unlösbare Probleme auf – ein idealer Stoff, um daraus eine dramatische Liebesgeschichte zu stricken, weil die Nähe zum jeweils anderen gleichbedeutend mit Todesgefahr oder Schmerz ist. Es ist kompliziert und chaotisch und herzzerreissend, aber die Fähigkeit, Problemlösungen zu finden, ist auch in dieser Serie intakt.

Was anders ist an dieser Serie verglichen mit einer vergleichbaren aus unseren Breitengraden, ist der Umgang mit Sprache und Naturmetaphern: Ein besonderer Genuss sind etwa die Liedtexte und die Dialoge zwischen dem Goblin und seiner Braut. Diese Serie nutzt ausserdem die Schönheit der Natur und ihre Veränderungen im Laufe der Jahreszeiten, um die Stimmung und die Entwicklung der Beziehung zwischen den Charakteren, die Romantik und die Sehnsucht nach ihr zu veranschaulichen. Die Natur wird so als Spiegelbild der Emotionen und inneren Zustände der Charaktere verwendet, und sie dient als Metapher für Freiheit, Erneuerung, Harmonie oder Konflikte. Goblin liefert mir den Beweis für die eingangs erwähnte Hypothese: Eine Sprache für die Liebe ist eine Sprache der Natur. Ein Mädchen, das wie ein Blütenblatt zu Boden segelt, das eine Macht entfesselt, die so stark ist wie die Erdanziehungskraft… das sind Sprachbilder, die mir wie von einem Trampolin ins Herz springen. Die Naturbezüge wirken ausserdem wie eine Einladung, die Schönheit der Umgebung wahrzunehmen und die Natur zu schätzen und zu schützen.

Diese Treffsicherheit im Erfinden von Geschichten und deren Verpackung in Naturbilder und Poesie, die sich in die Sprache der Liebe ergiesst, scheint mir eine der Kernkompetenzen südkoreanischer Drehbuchautoren und -autorinnen zu sein, die sich aus ihrem kulturellen Erbe speist. Ich möchte deshalb den gewagten Sprung zurück in die kulturell-spirituelle Vergangenheit Koreas wagen und mich im kommenden Kapitel mit dem Taoismus und Schamanismus beschäftigen. Der Taoismus kam aus China nach Korea, wurde im Goguryeo-Königreich 643 zur Staatsreligion und verband über die Jahrhunderte Elemente der koreanischen Folklore, des Schamanismus und Buddhismus zu einer eigenständigen Mischung. Selbst als der Neokonfuzianismus während der Joseon-Dynastie (1392-1910) in Korea Einzug hielt und zu dominieren begann, verlor der Taoismus kaum an Bedeutung. 

Der kulturelle Schatz, der von K-Dramen gehoben wird

At late spring with red peach blossoms and blue willow leaves,

Dew on pine needles are pearls of a blue needle thread.

Kim Siseup (15. Jh.)

Aus: Wunder in Korea des Historikers Hong Manjong (1643-1725),

übersetzt ins Englische von Dal-Yong Kim (2011)

Der zu Beginn des 15. Jahrhunderts geborene Kim Siseup war, was man heute einen Hochbegabten nennen würde. Er war von klein auf ein Sprachtalent und später in seinem Leben ein Buddhist mit übernatürlichen Kräften. Mit acht Monaten konnte er lesen und mit drei Jahren schrieb er das oben genannte Haiku-artige Gedicht.

Der Historiker Hong Manjong (1643-1725) hat mittels historischer Recherche von Dokumenten und anderer Belege 38 ähnlicher Geschichten für seinen Band Wunder in Korea gesammelt. 2011 hat der Koreaner Dal-Yong Kim das Buch ins Englische übersetzt und für den Westen zugänglich gemacht. Viele der in Miracles in Korea dokumentierten Personen, für deren Existenz es historische Belege gibt, waren Autoren oder Dichter, die Texte hinterlassen haben.

Es sind aber auch Magier in den Bergen Koreas und taoistische Einsiedler, die oft radikale und recht schrullige Lebensweisen verfolgt haben. Sie haben gefastet, spezielle Diäten aus Tannennadeln und Heu eingehalten, ihre Körper und ihren Geist mit Atem- und Körperübungen gestählt. All dies, um hinter das Geheimnis eines ewigen Lebens zu kommen, übersinnliche Kräfte zu entwickeln, in den Himmel aufzusteigen und ein unsterblicher Taoist zu werden. Viele sind gescheitert, andere lernten zu fliegen oder wurden weit über hundert Jahre alt, wie einzelne der Dokumente aus Wunder in Korea nahelegen.

Hier nochmals zu Kim Siseup: Der Premierminister Heo Jo (1369-1439) soll das Sprachgenie gebeten haben, ein Gedicht mit dem Wort „alt“ für ihn zu schreiben, und dies war das Resultat: «An aged tree blossoms and is not old in spirit». («Auch ein bejahrter Baum blüht und ist nicht alt im Geiste», Übersetzung der Autorin.)

Siseup wurde wegen seines Sprachtalents zum Glück nicht in die Dienste des Königs abgeordert, sondern führte ein Leben als Eremit und kehrte erst nach langen Jahren zu einem weltlichen Leben zurück. In seiner Zeit als Einsiedler bereitete er bei Hochwasser schnell seine Schreibutensilien und hundert kleine Papierstücke vor und setzte sich an eine Stelle mit möglichst viel Wildwasser. In Meditation und in Selbstgesprächen versunken schrieb er in schneller Abfolge hundert Gedichte und überantwortete diese den Fluten. Als Beweis dafür, dass er vermutlich Heiligkeit erlangt hat, wird die Tatsache erwähnt, dass sein Körper auch nach jahrelangem Aufenthalt in seiner letzten Ruhestätte jugendlich aussah.

Die Taoisten und in diesem spezifischen Fall ein Buddhist schöpften aus der Schönheit und Zartheit der Natur Gedichte, leiteten aus ihren Naturbeobachtungen aber auch Gesetzmässigkeiten und tiefere philosophische Einsichten für das Leben ab. Dal-Yong Kim, der Übersetzer von Wunder in Korea, schreibt in seiner Einführung, dass die Magier, Einsiedler und unsterblichen Taoisten mit ihren Werken die kreative Kraft der Natur einzufangen versuchten. Sie alle waren auf der Suche nach der Essenz des Lebens oder des Göttlichen in der Natur.

Wäre ich heute eine Schriftstellerin oder Drehbuchautorin in Südkorea, ich könnte ich dieser reichen Tradition an Mythen, Geschichten oder spirituellen Lehren nicht widerstehen. Eine der gelungensten südkoreanischen Fantasy-Serien der letzten Jahre war übrigens Alchemy of Souls (2022 und 2023). Darin wimmelt es nur so von Zauberern, guten wie schlechten, geheimnisvollen wie keuschen Einsiedlern oder Schamaninnen. Wie in Hogwarts, aber mit Schwertern anstatt Eulen, messen sich die jungen Magier in dieser Serie in einer streng organisierten Zauberschule, lernen ihre übernatürlichen Kräfte zu beherrschen – und entwickeln nebenher auch die Kunst des Liebens.

Taoismus, die Philosophie für das Anthropozän

Man kann ohne Gefahr sagen, dass der Taoismus auf alten animistischen oder schamanischen Traditionen, Mythen und Märchen beruht, wie sie in China, Korea oder Japan reichlich vorhanden waren und trotz der herrschenden Staatsphilosophie des Konfuzianismus vom einfachen Volk weitergereicht wurden. Benjamin Hoff, der amerikanische Übersetzer eines zeitgenössischen Tao Te Ching, des wichtigsten Textes des Taoismus des geheimnisumwobenen Autors Laotse, hat sich in jahrelanger Arbeit über eine Zeichenschrift gebeugt, die noch vor den chinesischen Schriftzeichen existierte. Er hat die Patina von diesem Text weggekratzt, bestehend aus falschen Übersetzungen des Originals in chinesische Schriftzeichen, aus fehlerhaften Kopien oder gar aus eigenmächtigen Ergänzungen späterer Gelehrter.

Wie ich Hoffs The eternal Tao Te Ching. The philosophical masterwork of Taoism and its relevance today, seine Übersetzungen und Notizen zu jedem einzelnen Absatz lese, bin ich begeistert. Denn das Tao Te Ching hat den Menschen im Anthropozän, dem aktuellen Erdzeitalter, viel zu bieten: Es erklärt, wie aus dem Nichts und einem für uns unbegreifbaren Ursprung durch die Interaktion des Himmels mit der Erde die Tausend Dinge entstehen, die manifeste Welt der Natur.

Laotse und andere Gelehrte zogen Kontemplation, Meditation und wohl auch Körperübungen wie das Tai-Chi heran, um die Naturgesetze zu verstehen, die unsere Wirklichkeit materiell wie immateriell erschaffen. Mehr noch: Die Natur war für sie eine Lehrerin. Von ihr lernten sie Prinzipien für eine friedliche und harmonische Lebensführung in Übereinstimmung mit dem Tao, dem Weg. Diese Philosophie, die erst später auch als Religion praktiziert wurde, war ein Mittel, um die Komplexität des weltlichen wie auch des spirituellen Lebens zu ordnen und zu verstehen. So hält der Taoismus Lehren und Prinzipien für jeden Einzelnen wie auch für Regierende bereit, für das Management von Gemeinschaften genauso wie dasjenige des Militärs.

Ein Beispiel für ein solches Prinzip ist das Wuwei, das Nichteingreifen. Die beste Veranschaulichung für dieses Prinzip ist ein Fluss. Laotse rät den Herrschenden im Absatz Rulers of the hundred valleys, sich wie ein Fluss zu verhalten, sich stets am tiefsten Punkt in einem Tal zu orientieren, wie an den Geringsten in der untersten Schicht der Gesellschaft.

Ruler of the hundred valleys

The wide rivers and expansive lakes

Are able to be rulers of the hundred valleys

Because they are good at positioning themselves

In the lowest places.

That is what enables them to rule.

 

So those who want to rule the people

Must with their words be below them.

Those who want to lead the people

Must place themselves behind.

(…)

Aus: Benjamin Hoff (2021): The Eternal Tao Te Ching. The Philosophical Masterwork of Taoism and its Relevance Today

 

Herrschende sollen mit Yin, der weiblichen, passiven Kraft des Flusses regieren und nicht mit Yang, der männlichen dominanten. So gesehen ist das Tao Te Ching auch ein politisches Buch, das in subversiver Weise die damals gängigen Konzepte des Konfuzianismus in Frage stellte. Letzterer war viele Jahrhunderte in China staatstragend. In ihm wurden Rollen, Hierarchien, Rechte und Pflichten sowohl für Familienangehörige wie für Beamte in der politischen Administration definiert. Dieses strenge Regelwerk könnte nicht weiter entfernt sein von den Zauberern und sonstigen Individualisten, wie sie der Taoismus hervorbrachte.

Dass der Taoismus sich so direkt auf die Natur bezieht und sie gleichsam als Begründung für Prinzipien menschlichen Handelns herbeizieht, macht diese Philosophie heute zu einer Verbündeten, um nicht zu sagen zu einer Grundlage für aktuelle Ökophilosophien. Wer im Westen den Klimanotstand nicht nur als einen Anstieg der Temperaturen und der Extremwetter versteht, sondern als Kritik an einer Denkweise, die über Jahrhunderte den Raubbau an der Natur legitimierte, der wird der Diagnose zustimmen, dass in unseren Energie-, Nahrungs- oder Banken-Systemen zu viel Yang am Werk ist. Lobbyisten und Politikerinnen haben sich einer natürlichen Ordnung entfremdet. Und damit meine ich nicht das Bild einer romantisierten, herzigen Natur, sondern die wissenschaftliche Tatsache, dass man die Natur nicht mit Giften traktieren kann, ohne damit unsere Lebensgrundlagen zu schädigen[1].

Nochmals ein Wort zu Erich Fromm: Er hat sich in einem wesentlichen Punkt geirrt. In Die Kunst des Liebens beschäftigt er sich auch mit der Liebe zu Gott. In einem grossen Bogen entwirft er eine Evolutionsgeschichte der Weltreligionen und deren Epochen, die heute nicht mehr stimmig wirkt. Denn Fromm beschreibt die Unterschiede zwischen den Religionen in Form einer hierarchischen Abfolge. Er zeichnet das Bild eines Aufstiegs vom primitiven Menschen und seiner Schamanen, der dumm und zitternd vor den Naturgewalten auf den Knien lag, zu den elaborierten asiatischen Philosophien des Buddhismus oder Taoismus.

Er übersieht dabei, dass sich beide Philosophien – der Buddhismus ebenso wie der Taoismus – aus animistischen und schamanischen Wurzeln entwickelt haben und diese transzendieren. Ausserdem wäre in seiner hierarchisierenden Abfolge das Christentum schamanischen Traditionen übergeordnet, obwohl in dessen Namen unsägliche Gräueltaten verübt wurden, nicht nur an den Völkern anderer Kontinente, sondern auch an der Natur. Gewisse Maximen des Christentums wie das «Mach’ Dir die Erde untertan» durchdringen immer noch das Denken mächtiger und gieriger Akteure. Dagegen liest sich das Tao Te Ching wie ein erfrischender Bergquell – womit ich nicht in Abrede stellen will, dass asiatische Länder die Natur ebenfalls wie westliche ausgebeutet und drangsaliert haben. Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass es keinen Wandel ohne planetarisches Bewusstsein geben kann. 

Die Sprache der Liebe ist eine Sprache der Natur

Im Moment ist Südkorea das pulsierende Herz der internationalen Creative Economy. Es ist jung und noch nicht so arteriosklerotisch wie anderswo auf der Welt. Ein wiederkehrendes Motiv, das ich so nur in südkoreanischen K-Dramen gesehen habe, sind Ärztinnen und Ärzte, die auf einer rollenden Notfall-Pritsche rittlings auf ihren Patienten und Patientinnen sitzend durch die Spitalgänge Richtung Operationssaal rasen, während sie mit Inbrunst Herzmassagen verabreichen. Nur selten verlieren sie die Todgeweihten. Meistens wischen sie sich, wenn auf den Kontrollmonitoren wieder schön grüne Kurven erscheinen, befriedigt den Schweiss von der Stirn.

Aber seien wir wieder ernst: Auch dieses Show Biz beutet seine Schätze gnadenlos aus. Südkorea ist mit einer nicht überschaubaren Armee von Geschichtenerzählern, Musikerinnen, Tänzern und Schauspielerinnen ausgestattet, die nicht davor zurückschrecken, mit pochenden Herzen, viel Romantik, Schmalz und Klugheit die Welt zu erobern – und zu endlosem Kitsch beizutragen. Es drängt sich mir das Bild einer grossen Menge von virtuosen Zuckerbäckerinnen auf. Sie sind weder die ersten und werden auch nicht die letzten ihrer Art sein, aber im Moment sind sie die angesagtesten.

Dass ausgerechnet ein Land, dass vierzig Eroberungen über sich ergehen lassen musste, nun mit einer hallyu, einer Welle aus Frische, Jugendlichkeit, Verrücktheit und reizenden Klischees die Welt überrollt, hätte bis vor Kurzem niemand geahnt. Doch wie schon gesagt schöpft Südkorea aus einem immer noch lebendigen kulturellen Erbe, in dem sich glorreiche wie leidvolle Geschichten verschiedener Kaiserreiche und ihrer Untertanen, Lehren des Schamanismus, Taoismus, Konfuzianismus und Buddhismus vermischen mit der Schmach, sich nur mühselig von einer Dritt-Welt-Ökonomie zu einer Wirtschaftsmacht gemausert zu haben.

Noch Ende der 90er-Jahre hat der Internationale Währungsfonds IWF Südkorea gedrängt, sich seiner Vetternwirtschaft zu entledigen und stürzte die koreanische Wirtschaft damit in eine tiefe Krise, die Millionen von Menschen ins Verderben/in grosse Not stürzte. Gedemütigt zog sich das Land am eigenen Schopf aus dem Sumpf – unter anderem mit Hilfe des Golds der Eheringe seiner Bürger und Bürgerinnen.

Rede ich einen künstlichen Zusammenhang zwischen meiner K-Drama-Obsession und möglichen Strategien gegen den Klimawandel herbei? Vielleicht. Aber über meine Hypothese nachzudenken, lohnt sich zumindest: Eine Sprache für die Liebe als eine Sprache der Natur ist ein Mittel, um jenes Bewusstsein zu verändern, das uns an den Abgrund der Klimakrise geführt hat. Ich frage mich also, ob die Verbindung von Naturerfahrung mit einer Sprache der Liebe nicht mehr bewirken kann als die aktuelle weit verbreitete Weltuntergangsstimmung und andere Ausflüchte. Ich wage diesem Gedanken Raum zu geben, weil ich auf der Suche nach Lösungen bin. Denn nichts und niemand kann heute die Tatsache leugnen, dass sich unser Planet schneller erwärmt, als für ihn und uns gut ist. Doch das soll uns die Freude an der Liebe zu Mensch und Natur nicht verderben.

Mit einer Sprache für die Liebe als Sprache der Natur werden wir lebendig und verstehen, dass in uns und in unseren Beziehungen die gleiche Kraft pulsiert wie in der Natur. Heute weiss ich auch dank K-Dramen, dass die Liebe nicht nur dort ist, wo ich sie früher gesucht habe. Sie hat sich nicht absichtlich in meinen Beziehungswirren versteckt, aber um sie zu verstehen, benötige ich andere Wahrnehmungsinstrumente. Oder um es weniger technisch auszudrücken: Die Liebe zeigt sich mir in den kleinen, alltäglichen Dingen – und selbst dort zeigt sie sich oft nur dann, wenn ich kurz innehalte. Wenn sie wie ein Vogel an mir vorbeiflattert oder wenn sie wie ein tanzendes Herbstblatt zu Boden fällt. In diesen Momenten drücke ich gleichsam die Pause-Taste und verstehe, was ich schon immer wusste: Im Zentrum der Liebe ist es ruhig und sonnig. Ich lebe dort ohne grosse Ansprüche und Bedürfnisse, weil mein Hunger bereits gestillt ist. Ich benötige nicht einmal Worte. Wenn ich dennoch sprechen wollte, würden mir die Worte leicht über die Lippen gehen. Die Sprache der Liebe ist die Sprache der Magie, die Sprache der Poesie, die Sprache der Natur.

[1] Wie sonst lässt sich erklären, dass der Ständerat 2023 den Gegenvorschlag des Bundesrats für die Biodiversitätsinitiative sang- und klanglos versenkt hat.