Ein Essay von Claudia Acklin (1)
Der Rote Pfeil hat mich eben auf das Gleis im Bahnhof Roma Termini ausgespuckt. Nach einem wohligen Dösen im Polster des Zugs stehe ich unvermittelt in einer lärmigen Menschenmenge. Von hinten wird geschubst, vorne ist der Weg versperrt, weil sich jemand nach den Strapazen im Zug gleich eine Zigarette anzünden muss. Langsam saugt mich die Menge vorwärts, verschiedene Hallen hindurch und schliesslich auf den Busparkplatz. Als ich endlich müde an meiner Station am Rande des Villaggio Olimpico ankomme, geht ein starker Regen nieder, der bald darauf in Hagel übergeht. Es scheint nicht aufhören zu wollen. Uffah, würden Italienerinnen sagen… Mit diesem stürmischen Anfang meiner langen und minutiös geplanten Romreise hatte ich nicht gerechnet. Später irre ich durch die Strassen des Quartiers, in dem Anfang der 60er-Jahre die Olympioniken wohnten, bis ich endlich mein B&B finde. Dort ist noch kein Ausruhen möglich, denn die Gastgeberin quatscht mich voll mit Bestimmungen und mit Erklärungen, weshalb weder der Fernseher noch der Storen funktioniert.
Meine paar Sachen sind schnell ausgepackt. Ich brauche dringend Luft, damit meine Seele nach dieser weiten Reise mit meinem Körper aufholen kann. Ich spaziere durch das olympische Dorf, durch die Via Argentina, die Via Turchia, die Via Olanda in Richtung Tiber. Eher zufälligerweise hat mich Airbnb hierhergelockt. Nahe am Villaggio Olimpico muss der Ponte Milvio liegen, eine der ältesten Brücken von Rom. Und da steht sie auch – geschichtsträchtig auf groben Brückenpfeilern, unten aus antikem Travertin, oben über die Jahrhunderte mehrfach renoviert. Ich lehne mich über das steinerne Geländer und schaue auf den Tiber hinab. Der Fluss fliesst hier überraschend lebendig und verspielt dahin, Möwen sitzen auf kleinen Flussbänken und die Sonne wirft in der Abenddämmerung rötliche Strahlen auf die Wirbel im Wasser des Flusses. Ich entspanne mich und lasse meinen Blick schweifen. Ich bin voller Vorfreude, als sich plötzlich jemand neben mich stellt, näher als es die Höflichkeit gebietet. Ich sehe zuerst ein paar alte nasse Lederschuhe, dann eine ebenso feuchte Hose, Jacke, Bart und tröpfelnde Haare.
Dieser alte Mann muss wohl in den Regen gekommen und, nicht wie ich, untergestanden sein. Aber ehrlich gesagt ist alles an ihm so nass, als hätte er eben mit Kleidung geduscht. In der einen Hand hält er einige Schilfblätter, für den wohl eher erfolglosen Versuch sich damit gegen den Regen zu schützen. Soll ich weiter wegrücken, frage ich mich? Ich entscheide mich dagegen, denn eben neu in der Stadt angekommen will ich nicht unhöflich wirken. Der alte, nasse Mann schaut unaufgeregt und voller Stolz über den Tiber und sagt: „Ohne mich würde es diese Stadt nicht geben.“ Überrascht schaue ich ihn nochmals von der Seite an und bemerke eine gewisse Blässe in seinem Gesicht und eine Kühle, die von ihm auszugehen scheint. Wenn das kein Lokalpatriot ist… Er bemerkt meinen skeptischen Gesichtsausdruck, lässt sich jedoch nicht davon beirren und doppelt nach: „Ich habe diese Stadt mit aufgebaut.“
Ich weiss nicht so recht weshalb, aber ich fühle ein starkes Ziehen in der Magengegend. Auch mein Herz beginnt schneller zu schlagen. Selbst als sich der seltsame alte Mann abwendet und langsam davonzieht, fühle ich mich, als hätte ich einen Geist gesehen. Entgegen jeglicher Logik beschäftige ich mich mit dem Unsinn, den er eben erzählt hat. − Was war denn das? Wer war das? Und was genau wollte diese Person mir mitteilen? – Doch dann bummle ich weiter und entdecke auf dieser historischen Brücke weiter vorne an einer eisernen Kette viele „locchetti d’amore“, Schlösser, die Liebespaare hier hinterlassen haben. Schliesslich ist Roma rückwärts buchstabiert Amor, die Stadt der Liebe. Die Stadt der Liebe zu sein, behaupten natürlich auch Paris oder London oder Amsterdam. Aber es tut gut, durch den Anblick dieser symbolisch aufgeladenen Schlösser wieder in der Normalität angekommen zu sein. Wieder voller Tatendrang ziele ich Richtung Pizzeria.
Offenbar hat mich der „barbone“ – der italienische Begriff für Obdachloser –, wie ich ihn am nächsten Morgen nenne, dann doch weiter beschäftigt. Er tauchte in der ersten Nacht im Villaggio Olimpico in meinem Traum auf. Wieder trieft er von Wasser, seine durchtränkten Schuhe scheinen beim Gehen zu gurgeln und seine Haut hat eine Ausstrahlung wie kühler Marmor. In meinem Traum – oder wohl eher Albtraum – klingt es gehässig, wenn er sagt: „Ohne mich kein Rom.“ So, als wäre er frustriert darüber, dass ich ihm nicht glaube, und als hätte ihn mein mitleidiges Lächeln auf dem Ponte Milvio verletzt. Doch wieder gelingt es mir, Träume sind Schäume zu sagen und mich meinen Zielen für die Rom-Reise zuzuwenden.
Ich bin wegen eines Schreibprojekts nach Rom gekommen. Eine Kurzgeschichte oder ein kurzer Roman soll es werden. So genau weiss ich das noch nicht. Die Geschichte, die ebenfalls von einer Liebe, von Amor in Roma handeln soll, existiert bereits, aber es fehlen die Orte, das Licht, die Gerüche und die Geschmäcker dieser Stadt. Früh morgens mache ich mich frohgemut auf den Weg ins Zentrum, ausgerüstet mit Notizblock und Kamera und ohne klares Ziel. Mein Hochgefühl ist von kurzer Dauer, denn dieses Mal bin ich von der Unberechenbarkeit des öffentlichen Verkehrs irritiert. Schliesslich nehme ich entnervt den erstbesten Bus, der nach langer Wartezeit an der Haltestelle eintrifft. Kurzerhand steige ich einige Stationen später beim Castel Sant’Angelo wieder aus. Wieder Menschenmassen. Gefühlte tausend amerikanische Touristen und Touristinnen drängeln am Fussgängerstreifen. So fühlt sich „overtourism“ an, wie man auf Englisch sagt, Massentourismus. Und dies im März, fast noch im Winter.
Vor dem Kastell sitzt auf dem steinernen Geländer, das das Zentrum der Stadt gegenüber dem Tiber abgrenzt, seelenruhig eine Möve und schaut dem Treiben zu. Sie weiss, dass sie „highly instagramable“ ist und lässt fotografierende Touristen und Touristinnen bis auf 30 cm Nähe heran. Auf mich wirken Position und Blick der Möve eher höhnisch, so als würde sie auf den alltäglichen Irrsinn dieser Leute herabblicken. Ich fliehe die steile Treppe zum Tiber hinunter und – bin schockiert. Das künstliche Flussbett. Hohe Mauern, wohl gute zwölf Meter hoch. Auf beiden Seiten des Tibers. Neben dem Fluss hat es gerade noch Platz für einen Spazier- und Fahrradweg und für viel Zivilisationsschutt, der sich im Gebüsch seiner Ufer verfängt. Der Fluss wird hier nicht nur gezähmt und diszipliniert. Der Tiber wirkt geradezu unglücklich und herabgestuft. Aus dem Leben der Römer und Römerinnen verdrängt, zur Nebensache degradiert.
Einen Tag später stehe ich während einer meiner Streifzüge für mein Schreibprojekt auf der Kreuzung der Via Quirinale und Via delle Quattro Fontane, bei der in jeder Ecke ein Brunnen mit Skulptur steht. Mein Blick wird magnetisch von jener Nische angezogen, in der das Abbild eines bärtigen Mannes mit langem Haar zu sehen ist, der mit einem Füllhorn im Arm unter einem Feigenbaum liegt. Aus Weinreben fliessen gleichsam Trauben auf ihn hinab. Im Hintergrund schaut die römische Wölfin aus der Skulptur, jene, die die Zwillinge Romulus und Remus gerettet hat. Es ist ein majestätisches Bild des Müssiggangs und der Fruchtbarkeit.
Mir stockt der Atem. Mit diesem Bart und dem langen Haar sieht er wie die jüngere Version meines „barbone“ aus. Doch in dieser Nische, in Stein gemeisselt, liegt ein Gott am Ufer des Tibers. Sein Name ist Tiberinus, wie ich auf einer Plakette lese. Er ist nicht nur jünger als derjenige, den ich am Ponte Milvio und im Traum getroffen habe, er ist auch sehr viel imposanter. Hier tritt mir der Obdachlose nicht nur als eine poetische Allegorie für den Tiber entgegen. Er ist nicht nur gurgelndes Wasser aus nasser Kleidung, sondern ein ehrfurchtgebietender Repräsentant des Tibers, sozusagen sein Kommunikationschef. Als die Skulptur im 16. Jahrhundert entstand, wurde Tiberinus wohl noch in Ehren gehalten. Mir kommen die Worte des nassen alten Mannes in meinem Traum in den Sinn. Angesichts des im 19. Jahrhunderts in den Tiefen eines Trogs versteckten Tibers beginne ich eine Verbindung zwischen dem alten Mann und dieser Skulptur zu machen. Vielleicht hat Tiberinus wirklich mitgeholfen, eine Stadt und damit ein Imperium zu gründen.
Für Imperien und Nationen ist Geographie Schicksal. Der Fluss trägt Wasser in eine Stadt, was den Transport von Gütern ermöglicht und damit den schwungvollen Handel mit weit entfernten Gegenden dieser Welt. Ohne einen Fluss gibt es weder Macht noch Wohlstand. Er bewässert die Felder der Bauern genauso wie die Gärten begüterter Patrizier, die im alten Rom ihren Reichtum mit Wasserspielen und Nymphäen vorführen. Als ich mich jetzt an das Erlebnis am Castel Sant’Angelo erinnere, denke ich betrübt: „Tiberinus, du hast diese Stadt mit aufgebaut, aber was ist aus dir geworden?“ Ich wäre wohl auch beleidigt und verstehe: Tiberinus kämpft um seine Reputation.
In diesem Moment entscheide ich mich, mein liebgewonnenes Schreibprojekt fürs Erste zur Seite zu legen, und mich auf eine Spurensuche zu begeben: Zunächst will ich den Einfluss des Flussgottes auf die Gründungsgeschichte Roms besser verstehen. Dafür lassen sich sicherlich Belege finden. Doch die Behauptung von Tiberinus geht ja noch weiter: Er sei nicht nur Handlanger und Dienstleister, er ist der Meinung, dass er der Auslöser dieser Entwicklung gewesen sei, dass er im vollen Bewusstsein seiner Rolle die Geschichte Roms ins Rollen gebracht habe.
Ob ich dazu je Aussagen werde machen können? Dafür hoffe ich, dass ich dem alten Mann wieder begegne. Dass ich dieses Mal gezielt Fragen stellen kann, anstatt ihn als Spinner abzutun … Doch dann halte ich inne und bin unsicher. Ich bin ja nicht Metaphysikerin von Beruf. Und ich will auch nicht selbst wie eine Verrückte einen triefenden Flussgott im Schlepptau durch die Stadt ziehen. Doch ich will Neues wagen und die Perspektive wechseln: Ich will die Ewige Stadt aus der Sicht des Tibers erkunden. – Und unversehens habe ich das Gefühl, im Fluss und mehr als nur eine Touristin zu sein. Ich werde es fliessen lassen, mich traumwandlerisch fortbewegen, von Erfahrung zu Erlebnis und von dort ab und zu vielleicht auch zu Erkenntnis.
Ohne mich kein Rom
Es ist nicht ungewöhnlich, dass der Tiber oder genauer der Flussgott Tiberinus, der über ihn wacht, mit Menschen spricht. In der Vergangenheit hat er dies öfters getan. Sagenhaften Persönlichkeiten oder den ersten Königen Roms hat er richtungsweisende Weissagungen gemacht und gar direkt in die Gründungsgeschichte Roms eingegriffen. Nebenbei: Es ist anzunehmen, dass sich der Flussgott Tiberinus, der durchaus Machtbewusste, nicht nur mit ahnungslosen Touristinnen, sondern auch mit Hirten, Fischern oder Bäuerinnen unterhalten hat. Denn der Geist weht, wo er will.
Ich tauche ein in eine Epoche, in der die Götter noch unter den Menschen wandelten, sie sogar anleiteten und führten. Eine Zeit, in der es nur so von Halbgöttern und Heldinnen wimmelte, die sich auf dem Gebiet des heutigen Italiens ein Showdown lieferten. So erzählen es uns die Geschichtenerzähler und Dichter. Zum Beispiel Vergil: Er erhielt während den Anfängen der Kaiserzeit – also nach den ersten mythischen Königen und der Römischen Republik – von einem der Grössten, von Kaiser Augustus, den Auftrag erhalten, ein Epos zum Ruhm seiner Herrschaft zu schreiben. Vergil verfasste jedoch ein mehrbändiges Gedicht zur Gründungsgeschichte von Rom. Damals war ein Schöpfungsmythos notwendig, um dem aufstrebenden Rom zu versichern, dass es nicht nur eine Kopie griechischer Vorbilder war, sondern dass eines eigenen Imperiums würdig war. Vergil arbeitete ab 29 v.Chr. zehn Jahre lang und bis zu seinem Tod daran. Die mythischen Anfänge von Rom lagen damals schon rund 725 Jahre zurück.
Vergil weiss zu berichten, dass der Flussgott Tiberinus Äneas im Traum erschienen ist und ihm beschied, dass sein Sohn Askanius dreissig Jahre später Alba, die Mutterstadt Roms, gründen würde. Diese sollte unter jenen Eichen des Tiber-Ufers zu stehen kommen, bei denen Äneas zuvor in tiefen Schlaf verfallen war. Er war ein Kriegsflüchtling aus Troja und wie sein einstiger Feind Odysseus durch den Mittelmeerraum hin und her geschleudert worden. Tiberinus kündigt im Traum an, dass Äneas nach dem Erwachen zum Zeichen der Richtigkeit seiner Prophezeiung eine Wildsau mit dreissig Frischlingen unter eben diesen Eichen finden würde. Als Äneas diese Eichen tatsächlich findet, opfert er auf Geheiss des Flussgottes das Mutterschwein und sämtliche Frischlinge der Göttin Juno, die ihm seit dem Weggang von Troja das Leben zur Hölle gemacht hat.
Ich lese das Epos von Vergil nicht selbst, die Lektüre einiger weniger Hexameter und meine Erinnerungen an den Lateinunterricht genügen, um mich davon abzubringen. Aber ich nehme später zu Hause eine alte Ausgabe von Gustav Schwabs „Die schönsten Sagen des klassischen Altertums“ aus meinem Büchergestell und durchforste Schwab die Äneis nochmals, mit der er Vergils zwölf Bücher in eine vereinfachte Form gebracht hat. Im Vorwort von 1837 schreibt Schwab: „Die ÄNEIS hat dem Verfasser am meisten zu schaffen gemacht. Hier die Längen abzuschneiden, ohne das Ziel des Weges selbst unzugänglich zu machen, all jene Zutaten ersonnener Volkssage, die nach einer Illias und Odyssee in ihrem prunkenden Scheine selbst einem Kinde fühlbar werden müssten, zu entfernen, ohne den Zusammenhang der originellsten und lieblichsten Erfindungen, die bald einen Teil der poetischen Geschichte des Gedichtes, bald unschätzbare Episoden bilden, unerkennbar zu machen oder gar zu zerstören − dies empfand der Bearbeiter als keine kleine Aufgabe, zumal da dieselbe noch von keinem modernen Erzähler der Sagen des Altertums versucht worden war. Sein Bestreben ging dahin, durch Zusammendrängen wesentlicher Schönheit dem kunstvollen Werke des Römers für die Jugend einen Reiz der Neuheit und gewissermassen der Kurzweiligkeit zu geben, den man im Originale vergebens sucht.“[1]
Dass Schwab für „Frauen und Kinder“ geschrieben hat, zaubert ein Schmunzeln auf meine Lippen, denn dann bin ich ja seine Zielgruppe und ermächtigt, seine Sagen aus dem Büchergestell zu nehmen. Aber etwas frech finde ich den Vorwurf Schwabs an Vergil dann doch, dass Letzterer nicht für Kinder geschrieben haben soll. Warum würde er dies überhaupt wollen, war seine Absicht doch eher, ein politisches Werk zu verfassen, das die hart umkämpften (göttlichen) Ursprünge und Umrisse des römischen Reiches in sagenhafter Form darstellen wollte.
Einige Details aus Schwabs Zusammenfassung möchte ich besonders hervorheben. Erstens: Den Trojaner Äneas beschreibt Schwab als einen der „ersten Sprösslinge der alten Heldengeschichten“ (…), „deren Ahnen zum Teil Götter und Göttersöhne waren“. Äneas führt mit seinen Verbündeten, den arkadischen Pelasgern, einen Krieg gegen „ganz Italien“, eine wahrhaft heldenhafte Leistung. Viele Völker verfügen über Kosmologien oder Mythen, in denen Götter und Göttinnen Menschen solange unterweisen, bis sich Letztere ohne göttliche Intervention weiterwursteln können.
Zweitens: Die Mutter von Äneas ist Venus, er ist also zur Hälfte der Spross einer Gottheit. Er erhält von seiner Mutter einen durch ihren Ehemann Vulcanus gefertigten Schild für den Krieg gegen die Latiner und Etrusker. Der Schild ist mit wunderschönen Szenen dekoriert, die Äneas betrachtet, wie ein Kind ein Bilderbuch anschaut. Er kann sich allerdings keinen Reim auf die Bilder machen. Denn den Schild zieren Szenen des zukünftigen Roms wie die Geschichte von Romulus und Remus und die Kämpfe der ersten römischen Könige, selbst der spätere Kaiser Augustus ist darauf zu sehen. So hat Vergil den Wunsch seines Kaisers, ihn als Helden zu verewigen, doch noch umgesetzt.
Drittens: Der Flussgott Tiberinus empfiehlt Äneas, sich mit dem Fürsten Evander der aus Griechenland stammenden Pelasger zu verbünden, die ebenfalls im Streit mit den Stämmen der italischen Halbinsel liegen. Äneas befolgt diesen strategischen Ratschlag. Der Flussgott greift also ins Schicksal der italischen Halbinsel ein und unterstützt damit zwei Volksgruppen, die nicht aus diesem Land stammen, sondern entweder nach Italien migriert sind wie die Pelasger oder aus fernen Landen auf der Flucht sind wie die Trojaner. Er scheint weder Juno, die Feindin des Helden, zu fürchten, noch Venus, der Mutter von Äneas, verpflichtet zu sein, sondern verfolgt eine eigene Agenda. Der Flussgott leitet damit eine Zukunft ein, in der der Fluss Tiber eine zentrale Rolle spielen wird.
Viertens: Nach dem Opfer der Wildsau und ihrer dreissig Frischlinge reist Äneas auf dem Fluss weiter. Der Tiber, vom Flussgott gebändigt, liegt glatt und eben da wie der Spiegel eines Landsees. „Die Fluten selbst staunten, und der Ufer-Wald wunderte sich, als sie bunte Verdecke und Männer mit hellen Schilden den Strom fast ohne Ruderschlag heraufziehen sahen“, schreibt Schwab. Die Fluten des Tibers und der Ufer-Wald betreten den Raum – damit erweitert sich das Personal der Gründungsgeschichte von Rom. Neben Göttern und Halbgöttern, Fürsten und ihren Untergebenen und Flussgott Tiberinus existieren auch der Fluss Tiber und die ihn umgebende Natur als eigenständige Akteure. Wie Sedimentschichten liegen verschiedene religiösen Phasen übereinander, die unterschiedlichen Gesetzmässigkeiten und Werten folgen, matriarchalen wie patriarchalen. An der Basis und als unterste Schicht finden wir animistische Gottheiten für Flüsse und Landschaften, Pflanzen und Tiere, Himmel und Erde. Ich frage mich, ob dieses älteste aller Gesetze, „the law of the land“, nicht zu Recht Anspruch darauf hat, Geschichte geschrieben zu haben.
Die amerikanische Archäologin Gretchen E. Meyers kommt ebenfalls zum Schluss, dass der Flussgott Tiberinus ein aktiver Gestalter der Entstehungsgeschichte Roms war. Sie schreibt: „Er ist nicht einfach nur ein untätiges Emblem der römischen Macht, sondern trägt aktiv zur Schaffung der römischen Stadt und der Romanitas bei.“[2] In meiner Lesart: Tiberinus inspiriert nicht nur Äneas, sich mit dem Pelasger Evander zu verbünden und als trojanischer Flüchtling für seinen Platz auf der italischen Halbinsel zu kämpfen; er will damit auch seinen Nachkommen den Weg ebnen.
Später wird Tiberinus Romulus und Remus retten, die in einem Korb im Tiber ausgesetzt worden waren. Der Korb bleibt am Ufer hängen, weil der Tiber zeitgerecht nach einer Flut seine Wasser zurückzieht, damit die Wölfin die zwei Säuglinge finden kann. Alles Mythologie? Natürlich. Aber trotzdem stark genug, um den Grundstein für Roms Identität zu bilden. Heute würde man wohl von einem geschickten Branding sprechenNicht ganz unwichtig ist auch, wer die Eltern der Zwillinge Romulus und Remus sind: Rhea Silvia war die Tochter des älteren Sohnes von Äneas, Numitor. Ihr Onkel Amulius zwang sie dazu, Vestalin zu werden. Doch der Gott Mars verführte die junge Frau, und Rhea Silvia sah sich gezwungen, die Halbgötter und Zwillinge im Tiber auszusetzen.
Im Unterschied zu mir hat Meyers ihren Vergil gelesen und weist darauf hin, dass der Dichter in der Äneis drei leicht unterschiedliche Bilder des Flussgotts Tiberinus darstellt: Eines stammt von Vergil als Autor, eins ist die Selbstdarstellung von Tiberinus im Traum von Äneas und ein Drittes beschreibt den Flussgott aus der Sicht des eben erwachten Äneas. Meyers interpretiert, dass Vergil damit einen Bogen in die archaische Vorgeschichte aus dem Mittelmeerraum schlagen wollte, von der Zeit, als Flussgötter noch als Stiere mit menschlichen Köpfen dargestellt wurden, zu hellenistischen-etruskischen Bildern eines Gottes in Menschengestalt mit Hörnern und schliesslich zu einer römischen Darstellung einer menschenähnlichen Gestalt, bei der die Hörner vom Kopf gelöst und umgekehrt zu einem Füllhorn geworden waren.
Vergil hat ein feines Netz gesponnen aus der Vorgeschichte Roms und den darauffolgenden Ambitionen eines erstarkenden Imperiums. Denn laut Meyers: „Das Auftauchen des Tiberinus auf der römischen Bühne fällt mit dem Auftauchen Roms auf der Weltbühne zusammen.“ Die Zeit des Endes der Römischen Republik und der ersten Kaiser repräsentiert wie keine andere Ära Roms Anspruch, eine Weltstadt von Rang und Namen zu werden. „Wenn also visuelle Darstellungen des Tiberinus, wie die oben beschriebenen, die Gründungslegende Roms heraufbeschwören, verweisen sie gleichzeitig auf die sehr reale Lage des Flusses und seine Rolle dabei, sowohl die mythologischen Figuren der Vergangenheit als auch die internationalen Reisenden der Gegenwart in die Hauptstadt zu bringen.“ Geschichte ist nie ganz vergangen, sie bleibt auch in der Gegenwart erlebbar.
Im Sinne von Gretchen E. Meyers ist es also kein Zufall, wenn ein Fluss allein schon durch seine Anwesenheit in Rom zu den Touristen und Touristinnen spricht. Tiberinus hat sich als mein Reisebegleiter durch die Geschichte seines Flusses empfohlen und zum Fremdenführer durch die Stadt Rom gemacht, wie sie sich heute präsentiert. Doch heute erscheint mir nicht mehr wie auf der Skulptur der „Quatro fontane“ als lässig zurückgelehnter Gott, dem die Trauben in den Mund fallen. Er zeigt sich mir als tropfender alter Mann, den man mit einem Barbone verwechseln könnte. Er wandert mit mir den Tiber entlang, oft auch schweigend, denn der Fluss selbst und seine schmutzigen Ufer sprechen beredt über sein Schicksal. In unserer Beziehung stellt sich eine gewisse Vertrautheit ein. Am liebsten würde ich manchmal fast schon sagen, ach der Tiber, mein alter Freund.
Dann wispert mir Tiberinus plötzlich auf einem unserer Spaziergänge zu, ich solle auch mit der Nymphe Egeria sprechen. Wieder so eine einsilbige Anweisung. Wer ist Egeria? Doch als ich mich nach ihm umsehe, ist er weg. Den Rest muss ich mir selbst zusammenreimen. Als willige Schülerin setze ich mich jedoch gleich an den Computer und finde einen Hinweis zu Egeria im Eintrag zum Vesta Tempel auf dem Foro Romano. Ein Maus-Klick führt zum nächsten und ich erfahre, dass die Dienerinnen des Tempels der Vesta, die jungfräulichen Vestalinnen, jeweils rund eineinhalb Kilometer aus der Stadt hinaus in Richtung der Via Appia marschierten, um bei Egerias Quelle Wasser für die Reinigung ihres Tempels auf dem Foro Romano zu holen. Man kann sich leicht vorstellen, dass das ewige Feuer im Tempel und seine Asche reichlich Schmutz verursachen.
Diese Pflanze auf meinem Quellteich
Dank Tiberinus mache ich eine wunderbare Entdeckung: Flüsse mögen zwar durch männliche Gottheiten gelenkt und beschützt werden – aber die Welt der Quellen gehört den Nymphen. Und obwohl es eine Vielzahl von Typen und Spezialisierungen von Nymphen gibt, sind sie oft an alte matriarchale Traditionen und an die Naturverehrung gebunden. Nymphen beschützen Quellen und Brünnen, Wälder und Bäume, Wiesen und Täler oder Grotten und Höhlen. In anderen mythologischen Traditionen würde man sie Feen nennen oder einfach Naturgeister.
Sie sind eher menschenscheu, verlieben sich dennoch ab und zu in Sterbliche und umgekehrt. Sie üben unter gewissen Umständen Rache und bringen Unheil über Menschen. Vor allem wenn diese gefrevelt und sich beispielsweise an einem Baum vergriffen haben. Wie ich darauf aufmerksam werde? Ganz unverhofft und an einem wenig wahrscheinlichen Ort. Wegen eines „sciopero“, eines Bahnstreiks, bin ich gezwungen, in einem römischen B&B zu logieren und verbringe eine Nacht in einem Zimmer mit dem Namen Amadriadi. Als ich nachschlage, zu wem dieser Name gehört, lerne ich, dass dieser Typus von Nymphe mit dem Baum stirbt, wenn dieser gefällt oder anderweitig verletzt wird. Einzelne Nymphen sind anderen Nymphen über- oder untergeordnet.
In unserer modernen Welt sprechen wir von Ökosystemen und über die für uns Menschen oft schwer nachvollziehbare Fülle von Arten der Fauna, Flora und der Pilze. Noch schwieriger ist zu verstehen, wie all diese vielen Arten mit ihren jeweiligen Lebenswelten und untereinander interagieren. Genauso komplex ist die Mythologie. Mit etwas Phantasie kann man sich jedoch vorstellen, dass es hinter unserem modernen Konzept der Lebensräume oder der Ökosysteme eine Art Parallelwelt der Naturgeister, Nymphen, Faune und Feen gibt. Sie wohnen Pflanzen, Tieren, Gewässern und Landschaften inne.
In der römischen Mythologie gibt es auch vier sogenannte „camenea“, die die Typologie der Nymphen entgrenzen und mit weiteren Spezialisierungen erweitern. Die Nymphe Egeria beispielsweise beschützt eine Quelle und gehört damit zu einer Gruppe anderer Wächter und Wächterinnen des Landabschnitts, in dem ihre Quelle entspringt. Darüber hinaus wurde sie aber bekannt dafür, dass sie den zweiten König von Rom, Numa Pompilius, in politischen und religiösen Belangen beraten hat. Ausser ihr gibt es Carmenta, Antevorta und Postvorta, die für gute Geburten zuständig sind oder als Musen oder Orakel fungieren. Allen gemeinsam sind ihre Fähigkeiten, Menschen zu inspirieren.
Doch es muss wohl einen Grund gegeben haben, weshalb Tiberinus mich auf Egeria aufmerksam gemacht hat. Ich werde sofort fündig. Die Nymphe spielte wie er eine wichtige Rolle in der frühen Geschichte von Rom. Auch sie sprach mit einem weltlichen Fürsten und gab damit der Geschichte von Rom göttliche Impulse. Doch war die römische Gründungsgeschichte mit der Äneas und mit Romulus kriegerisch, schwang das Pendel mit dem König Numa Pompilius (715-673 v. Chr.) in die andere Richtung. Ihm wird nachgesagt, dass er Frieden unter den zerstrittenen italischen Völkern stiftete.
Die Quelle, die von Egeria beschützt wurde, lag einst innerhalb eines heiligen Wäldchens, unweit der Colli Albani. Auch heute noch sorgt das vulkanische Gelände der Hügel dafür, dass die Quelle Egerias Mineralwasser führt, das bei Magenbeschwerden helfen soll. In den albanischen Hügeln gab es einst auch eine heilige Stätte der Diana, zu der die Nymphe Egeria eine enge Beziehung unterhielt.
Anfang April mache ich einen Ausflug in einen Teil von Rom, der wie eine Mischung aus Freizeitpark und offener Landschaft anmutet. Die Quelle der Egeria liegt gleich bei der antiken Via Appia. Am Eingang stehen Sportgeräte für Fitnessbewusste, Picknick-Zonen für Familien und erholungsbedürftige Römer und Römerinnen. Es gibt einen kleinen Fluss, den Almeno, Bäche, Wiesen, jede Menge Wildkaninchen in den Büschen und wilde Mönchs- und Halsbandsittiche in den Bäumen.
Wer in den letzten Jahren in Rom war, wird sich vielleicht über den Neuzugang dieser nicht-einheimischen Vögel gewundert haben. Die Sittiche sind oft in Gruppen unterwegs; sie sind sofort durch ihr hellgrünes Federkleid sicht- und durch ein eher unangenehmes Krächzen hörbar. Sie landen über den Köpfen von Touristen und Römerinnen, in den Wipfeln der Bäume der Villa Borghese genauso wie in den Baumkronen, die die Universität La Sapienza umgeben. Sie sind einfach überall. Mir bereitet es Vergnügen zu beobachten, wie diese farbigen Vögel ihre langen grünen Schwanzfedern bei der Landung spreizen. Ich höre, dass sie auch in Deutschland oder an der Küste von Südengland aufgetaucht sind. Ihre Anwesenheit dort würde mich wohl noch mehr erstaunen. Aber in Rom, dem Melting Pot des Mittelmeers, so nahe bei Nordafrika und dem alten Orient, passen die Sittiche, die eine leichte Atmosphäre der Hektik verbreiten, perfekt ins Bild.
Das Nymphäum der Egeria liegt etwas versteckt, als möchte es nicht auf Anhieb gefunden werden. Zu Zeiten von Numa Pompilius’ geheimen nächtlichen Besuchen war die Quelle wohl ein tröpfelndes Etwas in einem Wäldchen oder Hain. Das Nymphäum der Egeria, dessen Relikte man heute noch sieht, ist jedoch erst im 2. Jahrhundert n.Chr. erbaut worden. Was ich anlässlich meines Besuchs dort antreffe, ist eine in einen buschigen Hügel eingelassene Nische innerhalb einer grösseren Marmorstruktur, aus der Quellwasser träufelt. Dieses sammelt sich im Teich im Vordergrund des Nymphäums, die Oberfläche ist fast vollständig durch die kleinen hellgrünen Blätter einer Pflanze bewachsen, wie ich sie auch schon in Schweizer Wäldern gesehen habe.
Ein niedriges Metallgeländer mit einer Schautafel trennt das Allerheiligste der Quelle gegenüber den Besucherinnen und Besuchern ab. Über die Tafel gebeugt sehe ich eine junge Frau, fast etwas zu sommerlich gekleidet für den frühen April. Irgendetwas Wallendes in Gelbtönen. Sie lächelt mich an, macht Platz bei der Schautafel und lehnt sich mit den Unterarmen auf das Geländer. Und sie sagt den etwas rätselhaften Satz: „Die liebe Egeria hat das doch sehr geschickt gemacht, nicht. Diese Pflanze dort auf dem Teich ist für Euch Menschen heute recht nützlich.“ Ich sehe sie von der Seite an und warte auf eine Erklärung, aber etwas sprunghaft meint sie, ich solle morgen beim Verzehr meines Beeren-Joghurts an sie denken. Mittlerweile bin ich ja sensibilisiert, wie man im Psycho-Sprech sagen würde. Auch dieses Mal, wie bereits im Fall des nassen Tiberinus auf dem Ponte Milvio, löst sich diese exzentrische Gestalt nicht einfach in Luft auf, sondern setzt sich einen etwas altmodischen Strohhut auf und geht im Spaziertempo ihrer Wege. Ich frage mich, ob mir hier wieder Brotkrumen zu einer höheren Wahrheit ausgelegt wurden oder ob ich einfach einer etwas seltsamen Dame begegnet bin. Davon gibt es in Rom wie anderswo in einer Welt voller Unordnung und verwirrender Alltagsereignisse auch so schon genug.
Als ich am nächsten Morgen im Villaggio Olimpico in den Kühlschrank greife, entdecke ich überrascht, dass sich darin ein Joghurt in der Geschmacksrichtung von „frutti di bosco“, Waldbeeren, befindet. Wie konnte sie dies nur wissen, fährt mir durch den Kopf, und nun bin ich nicht nur sensibilisiert, sondern hochmotiviert, das Rätsel zu lösen. Die Gelb-Gewandete muss die Pflanze auf dem Quellteich gemeint haben, diese mit den ganz kleinen Blättchen an der Oberfläche.
Im Internet erfahre ich, dass es sich um die kleine Wasserlinse oder die Entengrütze handelt und dass diese fähig ist, dem Wasser Stickstoff, Phosphat und andere organische Stoffe zu entziehen. Diese Eigenschaft kann dazu verwendet werden Schmutzwasser zu reinigen, wie es beispielsweise in der Schweinehaltung anfällt. Was Egeria an ihre Pforte gezaubert hat, ist eine regenerative Pflanze, als wüsste die Nymphe, wie es heute um die Qualität des Wassers bestellt ist und wie bitter nötig Lösungen sind, um mit den unerwünschten Schadstoffen aus der Landwirtschaft und des Abwassers aus Siedlungsgebieten umzugehen.
Jede aufmerksame Person wird in den letzten Jahren verstanden haben, dass das Wasser aus Quellen und Flüssen unser erstes und wichtigstes Nahrungsmittel ist und dass vor allem industrielle Formen der Landwirtschaft dieses Wasser regelmässig vergiften. Notabene: Die kleine Wasserlinse ist keine teure technische Infrastruktur, sie reinigt Wasser gratis und franko. Und was sollte der „frutti di bosco“-Hinweis? Auch dieses Rätsel konnte ich auflösen. Regenwasser sickert durch Hügel und Waldböden und wird gefiltert und zu Quellwasser. Ich kann nur hoffen, dass in Egerias Hain weiterhin Waldbeeren zu finden sind, denn dies liesse auf einen hinlänglich gesunden Lebensraum schliessen.
Langsam verstehe ich auch, weshalb mich Tiberinus zu Egeria geschickt hat – sie ist ein weiterer Beweis, eine Wiederholung in der Geschichte des frühen Roms. Wie schon beim Tiber spricht hier eine Quelle zu einer mythischen Figur aus römischer Vorzeit. Doch während Tiberinus Äneas den Weg wies, sich seinen Platz in Italien zu erobern und Krieg zu führen, hat Egeria Numa Pompilius den Weg zu mehr Frieden gewiesen. Die Entstehung einer römischen Identität macht diese Beziehung zu einer Erfolgsgeschichte. Über Jahrhunderte hinweg sollte Pompilius deswegen einen ausgezeichneten Ruf geniessen. Inspiriert durch Egeria baut Pompilius Tempel, führt religiöse Rituale und eine bestimmte Ordnung für Opferleistungen ein, er teilt den Kalender in zwölf Monate auf und organisiert selbst die Administration der Religion durch Priester und einen Pontifex. Egeria berät Pompilius und seine Römer und Römerinnen in Bezug auf einen als richtig erachteten Lebenskodex, der auf einer gemeinsamen Religion und ihrer Riten basiert. Der Flussgott und die Nymphe sind dafür die entscheidenden Akteure gewesen, haben inspiriert und damit gestaltet – solange, bis die Menschen reif genug waren, das Steuer selbst in die Hand zu nehmen.
Cicero (106 bis 43 v.Chr.) bekräftigt später die Rolle, die Egeria für Rom gespielt hat. Der Historiker und Dichter Livius (59 v.Chr. bis 17 n.Chr.) hingegen, der rund 500 Jahre nach Numa Pompilius eine Geschichte von Rom seit seinen Anfängen vorlegt, sieht dies anders. Livius beschreibt den zweiten König Roms zwar als den Begründer einer römischen Religion, aber er hält die Einflüsterungen der Egeria für eine Erfindung von Pompilius. Seine Verbindung zu einer Art göttlichem Internet sollte ihm bei seinen Untertanen Legitimation und eine Aura des Göttlichen verschaffen. Wie Moses, der mit zwei Tontafeln vom Berg Sinai herunterstieg und Gehorsam einforderte, kehrte Numa Pompilius von seinen nächtlichen Exkursionen mit klaren Vorstellungen zurück, wie die Stämme durch religiöse Ideale zu einem friedlichen Rom geeint werden sollten.
Livius sah darin nicht unbedingt etwas Anstössiges, sondern ein Mittel zum Zweck für Pompilius’ über 50 Jahre dauernde Regentschaft. Doch Livius kritische Betrachtungsweise verdrängt die Darstellung einer direkten Kommunikation von Nymphe (Sender) und König (Empfänger). Er stellt die patriarchale Hierarchie wieder her, denn für ihn konnte eine Quelle nie und nimmer eine staatstragende Rolle innehaben, und wenn doch, dann war dies nur als eine romantisch verbrämte Geschichte einer Muse zu verstehen oder als eine Erfindung.
Angesichts dieser Diskrepanz der Meinungen zwischen römischen Nachgeborenen frage ich mich, was Egerias Version der Geschichte wäre. Ich beschwöre das Bild der etwas exzentrischen Frau bei der Quelle herauf. Schmunzelnd zeigt sie sich mir und preist meine Fähigkeit, ihre Brotkrümel miteinander zu einer Kette von Indizien zu verbinden. Sie erzählt gerne mehr: Dass sie dem König nicht nur eine Staatsphilosophie vermittelt hat, damit er in der von Konflikten geplagten Anfangszeit Frieden zu stiften vermochte; die auf religiösen Riten und Frömmigkeit beruhende neue Ordnung war begleitet von einer Strategie zu deren Umsetzung. Und mit einer kleinen Spur Triumph fügt sie hinzu, dass altes matriarchales Wissen das Fundament von Pompilius’ Religion bildete, für ein Leben im Einklang mit den Gesetzen der Natur und mit ihrer Lebensgrundlage.
Egeria fährt fort, dass sie nicht nur Pompilius regelmässig beraten hat, sondern auch die Vestalinnen, die sie für ihren Wasserbedarf besuchten. Sie konnte einen Kommunikationskanal aufrechterhalten, damit matriarchales Wissen nicht verloren ging. Denn die Vestalinnen, ausgesucht aus den besten Familien Roms, waren zwar eingebettet in die patriarchale Ordnung Roms, aber sie waren auch in die jährlichen Rituale in Egerias Hain eingebunden, bei denen der Göttin Diana gehuldigt wurde. Beide, Göttin wie Nymphe, halfen Frauen bei Fragen der Fruchtbarkeit und des Gebärens.
Über Livius Erzählweise der Geschichte geht sie schnippisch hinweg. Aber ich stosse mich daran, dass dieser Geschichtsschreiber eine zynische Betrachtungsweise eingenommen hat, selbst wenn ich mich damit dem Verdacht aussetze, dass mir Naturidylle und Romantik näherstehen als die kühle Analyse des Historikers aus Rom. Mir drängt sich gar ein böses Bild auf: Wie ein Brunnenvergifter schleicht der Skeptiker und selbsternannte Realist durch Egerias Wäldchen und pinkelt in ihren heiligen Quellteich.
Wenigstens tröstet mich ein Artikel über Römische Kunst.[3] Während der Republik und Kaiserzeit beschwören viele Autoren, Redner, Philosophen, Historiker oder Dichter die Einfachheit des Landlebens, die Liebe zur Natur und die Beseeltheit ebendieser durch Götter, Faune, Nymphen … Figuren wie Cicero, Horaz oder Ovid entwerfen idyllische Gegenwelten zur Realität des Machtstrebens des wachsenden Imperiums bzw. zur lockeren Moral, die in der Ära der späteren Kaiser in Rom überhandnimmt. Als ein Beispiel dafür könnte ich Ovids „Metamorphosen“ anführen, die noch in einem Winkel meines Gehirns vorhanden sind. Ovid eröffnet sein Gedicht mit der Beschreibung eines mythischen Goldenen Zeitalters. „Aurea prima sata est quae vindice nullo, sponte sua sine lege fidem rectumque colebat. – Als erstes entstand das Goldene Zeitalter, welches ohne einen Strafvollstrecker, freiwillig und ohne ein Gesetz immer die Aufrichtigkeit und das rechte Tun hoch hielt.„[4] Darauf folgen bedeutend weniger glanzvolle Zeitalter.
Während die Werke Ovids, Ciceros, Horaz’ oder Tacitus’ – Letzterer schrieb über die Germanen als ein edles Volk, ganz im Gegensatz zu den verdorbenen Römer und Römerinnen – als naiv, rückwärtsgewandt und verzuckert gelten mögen, so sind sie doch auch Zeugnisse des impliziten Verständnisses dieser Autoren für die Natur und die Götter, Faune und Nymphen, die sie antreiben und beschützen. Im Einklang mit diesen Kräften zu sein wird als Massstab für ein gutes und gelungenes Leben dargestellt. Über die göttlichen Naturgesetze Bescheid zu wissen, ist der bessere „Benchmark“ als das dekadente Leben der Mächtigen in der Stadt und der Expansionstrieb der römischen Kaiser. Das goldene sollte für spätere rostige Zeitalter als Richtschnur dienen.
Erinnere dich an mich
Einer meiner Spaziergänge entlang des Tibers führt mich zu einer kleinen Insel inmitten der Stadt. Die Tiber-Insel habe ich anlässlich meiner Besuche von Rom anlässlich vergangener Reisen schon von einer der vielen Brücken betrachtet. Doch als ich mich dieses Mal auf Augenhöhe mit dem Fluss durch den Trog auf sie zubewege – mit dem abschätzigen Begriff Trog meine ich das künstliche Flussbett durch das Zentrum der Stadt –, verstehe ich sofort, weshalb die Tiber-Insel stets ein Ort der Heilstätten war. Es ist ein Leichtes, die zwei Brücken zum linken und rechten Ufer abzuriegeln. Die Insel ist geradezu prädestiniert für die Quarantäne während einer Epidemie. Auch heute noch befindet sich ein Spital auf ihr.
Ich überquere die rechte Brücke von Trastevere aus und begebe ich mich zunächst an die Spitze der Insel, dorthin, wo sich die Fluten des Tibers teilen. Erstaunt spüre ich, dass die Strömung hier für eine feine Schwingung sorgt, die ich in Füssen und Beinen wahrnehme. Es ist, als würde der Tiber durch die Reibung des Wassers an der Insel diese energetisieren. Mein Reisebegleiter Tiberinus ist flugs zur Stelle. Doch heute lehrt er mich nicht Roms Vergangenheit zu verstehen, sondern sagt in einem etwas besorgt klingenden Ton: „Erinnere dich an mich. Erinnere dich an mich, so wie ich einst war und wie ich heute bin. Erinnere dich an uns.“ Endlich erklärt sich der Flussgott und legt seine Absicht offen. Der lange Verschollene will wieder wahrgenommen, gesehen, verstanden werden. Ihm scheint dies besonders wichtig, gerade auf der Tiber-Insel auf seine Rolle aufmerksam zu machen. Denn nirgends wird diese sinnfälliger als hier. Doch was meint er mit dem „uns“? Wer gehört noch zu diesem wir, ausser mir? Gehöre ich, als Touristin, überhaupt dazu? Die Erklärung dafür bleibt er mir zunächst schuldig.
Einst war die Tiber-Insel der Übergang zwischen der etruskischen und latinischen Seite der Stadt. Darum bewachte einer der wenigen eigenständigen römischen Götter, der doppelgesichtige Janus, die Brücken. Diese kleine Insel, die von der Seite betrachtet wie ein Schiff in der Brandung aussieht, hatte in der Antike gleich mehrere Funktionen: als Heiligtum und Heilstätte, als Umschlagplatz für Lebensmittel, als Verkehrskreuzung für die zwei Stämme, die sich erst mit Numa Pompilius’ Regentschaft so richtig zusammenrauften, und zeitweise auch als Gefängnis.
Die Vorläufer des heutigen Spitals entstanden bereits dreihundert Jahre vor Christus. Damals wurde wegen einer Epidemie eine Delegation ins griechische Epidauros geschickt – auf Anregung eines Eintrags in den Sibyllinischen Büchern. Die Delegation sollte aus dem dortigen Tempel des Äskulap, des Gottes der Heilkunst, eine heilige Schlange nach Rom bringen. Die Schlange entkam auf dem Tiber, schwamm den Fluss entlang und versteckte sich schliesslich auf der Insel. Deshalb entstand darauf ein erster Tempel des Äskulap und später folgten Kultorte für den Flussgott Tiberinus, Jupiter Iurarius oder Faunus, den Gott der Wälder und Hirten. Fluss und Insel, so könnte man sagen, bildeten das Fundament für ein römisches Gesundheitswesen.
Die Insel liegt auch nahe dem ersten Zentrum von Rom. Tiberinus hatte wahrgemacht, was er Äneas im Traum einflüsterte, auch wenn sich heute nur wenige daran erinnern. Der Flussgott und sein Fluss halfen mit, Rom zu gründen und sukzessive zu erweitern: Am linken Ufer des Tibers entstand der Portus Tiberinus mit entsprechenden Schutzheiligtümern. Die Lage zwischen den Hügeln Campidoglio, Palatino und Aventino bildete gute geographische Voraussetzungen für den Transport und Handel von Gütern. In der Velabro-Ebene zwischen Kapitol und Palatin etwa entstanden das Foro Boario, der Rindermarkt und weitere Märkte für den Verkauf von Gemüse usw. Der vierte König von Rom, Anco Marzio, baute ausserdem die erste Holzbrücke über den Fluss, die viele Male von den reissenden Fluten des Tibers weggespült und wieder aufgebaut wurde. Um ehrlich zu sein: Der Tiber gab, aber er nahm auch. Wiederkehrende Überflutungen und Hochwasser forderten Todesopfer, förderten den Ausbruch von Epidemien trotz Schutztempeln und regelmässigen Festen für Tiberinus und verursachten konstante Reparaturarbeiten. Dennoch blieben die Römer und Römerinnen ihrem Tiber über 400 Jahre treu.
Doch mit der Zeit reichten Fluss und Quellen nicht mehr aus. Im schnell wachsenden Rom spielte Wasser eine zunehmend wichtige Rolle. Als die Gewässer die Bedürfnisse der Stadt nicht mehr erfüllen konnten, erhielten sie nicht nur Konkurrenz durch menschliche Bauten wie Auqädukte. Auch ihre Aura als lebensspendende oder heilende Akteure wurde ramponiert, mehr noch, die natürlichen Gewässer büssten ihre Göttlichkeit ein.
Sextus Iulius Frontinus, ein römischer Senator, Statthalter von Britannien und dreimaliger Konsul, wird 97 n.Chr. „curator aquarium“, Oberaufseher über die Aquädukte von Rom. In seiner Bestandesaufnahme der Wasserversorgung von Rom schreibt er: „441 Jahr lang nach der Gründung der Stadt Rom waren die Römer und Römerinnen mit der Nutzung von Wasser zufrieden, das sie aus dem Tiber, aus Brunnen und Quellen schöpften. Die Erinnerung an die Quellen ist bis jetzt mit religiöser Verehrung gepflegt worden: Man glaubte, dass sie auf Kranke heilbringend wirken, wie zum Beispiel die Quellen der Camena, des Apollo und der Interna.“[5] Denn: „Heute aber führen folgende Wasserleitungen in die Stadt: die Appia, die Anio Vetus, die Marcia, die Tepula, die Iulia, die Virgo, die Alsietina, welche auch Augusta genannt wird, die Claudia und die Anio Nova.“ Frontin, den man heute wohl als einen Manager bezeichnen würde, geht nach dieser historischen Fussnote nahtlos zur eigentlichen Absicht des Berichts als Grundlage für seine Verwaltungstätigkeit über.
Während der Kaiserzeit gab es in Rom eine munizipale Hierarchie, in der selbst wohlhabende Personen aus der Provinz aufsteigen konnten. Der Standardweg dafür war damals die Aufnahme einer solchen Person in die Armee als Ritter, der gleich von Beginn an mit Befehlsgewalt ausgestattet wurde. Weil eine Karriere in der Armee zugleich für das entsprechende soziale Kapital einer Person sorgte, war es von dort nur noch ein kleiner Schritt in die kaiserliche Verwaltung.
Frontins „De aquis urbis Romae“ war ein Arbeitsinstrument für die kaiserliche Administration, für die er nüchtern und systematisch folgende Themen abarbeitete: Bau und Geschichte der Aquädukte, Zustand der Bauten, Wassermengen, die transportiert werden, und Missstände bzw. Misswirtschaft. Er erwähnt auch, dass es im Verlauf der Geschichte Widerstand gegen einzelne Bauten gab. Das Aquädukt Marcia etwa war von einem zehnköpfigen Priestergremium kritisiert worden, da es göttlichem Recht widerspreche. Die Priester hatten den Sibyllinischen Büchern ausserdem entnommen, dass kein Wasser bis aufs Kapitol geführt werden sollte. Auch andere Akteure waren dagegen, aber beide Male hat sich der damalige König Quintus Marcius Rex durchgesetzt.
Frontin mass den Durchfluss von Wasser in sogenannten Quinaren und fand dabei Diskrepanzen zu früheren Messungen. Es fehlten 10’000 Quinaren davon. Bereits an den Quellen wurde Wasser für Private abgezweigt, Leitungen der Aquädukte wurden angebohrt. Der Politiker Marcus Caelius Rufus hielt dazu fest: „Durch strenge Untersuchungen haben wir beweisen müssen, was man sich alles herausgenommen hat, als hätte man ein Recht dazu: Wir finden, dass auf bewässerten Feldern, in Kneipen, sogar Fresslokalen und letztlich Absteigen von üblem Ruf fliessendes Wasser installiert worden ist.“[6] Die sogenannten Wassermeister teilten das Wasser nicht immer fair zu.
Wasser wurde also gemanagt, gemessen und gestohlen. Es war eine wertvolle Ressource; jeder wollte in den Genuss davon kommen. In den besten Zeiten der Antike lebten 1.5 Millionen Menschen in Rom. Zur Zeit des Kaisers Konstantin existierten 19 Aquädukte für 200 Brunnen, 11 grosse kaiserliche Thermen und 900 öffentliche Bäder. Das Wasser diente zu 44 Prozent öffentlichen Anlagen – Fontänen, Brunnenhäusern, Badebecken, Zisternen –, zu 38 Prozent dem privaten Bedarf in den Häusern und zu 19 Prozent dem kaiserlichen Hof. Es leuchtet also ein, dass die Zufriedenheit der Bevölkerung mit der Zugänglichkeit dieser Ressource verbunden war.
Auch heutige Menschen haben einen selbstverständlichen und, wie es sich in Zeiten des Klimawandels herausstellt, verschwenderischen Umgang mit Wasser. Aber im Römischen Reich wird sichtbar, dass mit dieser Entwicklung auch ein Paradigmenwechsel in Bezug auf die Gewässer stattfindet. Wer sich Wasser für ein Nymphäum in seiner Villa, für Felder oder Kneipen aneignet, der hat Wasser zu einer Ware gemacht, hat es objektiviert und funktionalisiert. Römer und Römerinnen fürchten keine Rache von Flussgöttern oder Nymphen, wenn sie Wasser rauben oder (zumindest) aus dem üppig vorhandenen Vorrat abzweigen. Wenn man etwas fürchtete, dann wohl eher die Verfolgung durch den Kaiser.
Augustus nahm sich der Wasserversorgung persönlich an. Denn ihre Qualität war für ihn eine Frage seiner Reputation. Der Ziehsohn Caesars gilt als einer der grössten Kaiser von Rom, weil er im Stande war, nachhaltige Verwaltungsstrukturen aufzubauen und die Grenzen des Römischen Imperiums in ungeahnte Weiten auszudehnen. Beides mag dazu beigetragen haben, dass Augustus am Ende seines Lebens einen gottähnlichen Status erhielt. Die göttliche Hierarchie hatte sich seit Menschengedenken geändert. Waren in archaischen Zeiten und für die Gründungsgeschichte Roms die Naturgottheiten noch zentral, so wurden sie zuerst durch die griechisch-römischen, menschenähnlichen Götter und Göttinnen abgelöst und zuletzt durch sterbliche Kaiser.
Was bedeutete diese Entwicklung für den Tiber und den stets wachsamen Tiberinus? – Mit den Aquädukten war die Rolle des Flusses als Wasserspender ein erstes Mal deutlich beschnitten worden. Allerdings sollte sich die Situation in der Phase des Niedergangs von Rom und dem Einfall der Banden von Goten, Vandalen und Langobarden nochmals drastisch ändern. Aquädukte wurden plötzlich zu idealen Angriffspunkten und Einfallswegen für die Feinde Roms. Teilweise zerstörten die Römer und Römerinnen ihre Wasserleitungen daher gar selbst. Einer der Gotenführer hatte auch die Idee, an den Ufern des Tibers, ausserhalb der Stadt, Wachtürme zu bauen und damit die Zufuhr von Gütern in die Stadt zu kontrollieren. Die stark geschrumpfte Bevölkerung Roms war gezwungen, zum Tiber und seinen Brunnen zurückzukehren.
Nochmals rund tausend Jahre später folgte der zweite grosse Schnitt. 1870 – zeitlich ganz in der Nähe des Risorgimento – verlegte man den Lauf des Tibers durch das Zentrum der Stadt in den oben genannten Trog, ein tief gelegenes steinernes Flussbett. Wie bereits erwähnt, waren die häufigen Überschwemmungen Roms durch den Tiber ein permanenter Stein des Anstosses, dem die Gründerväter Roms auszuweichen versuchten, indem sie ihre Stadt bewusst auf höher gelegene Hügel gebaut hatten.[7] Aber im 19. Jahrhundert war man sich der Unkontrollierbarkeit der Natur endgültig Leid. Eine aufstrebende Gilde von Ingenieuren und Stadtarchitekten traute es sich zu, das komplexe Projekt einer Zähmung des Tibers anzupacken.
Laut der Architekturhistorikerin Segarra Lagunes wurde im Zuge der Flusskorrektur aber nicht nur der Tiber beschnitten, sondern ein ganzes menschliches Ökosystem, das in einer Symbiose mit dem Fluss entstanden war und Jahrhunderte lang existiert hatte. Sie schreibt: „Der radikale Einschnitt, den der Bau der Mauern für diese Orte darstellte, hat ein Universum von Ereignissen und wirtschaftlichen, sozialen und architektonischen Verflechtungen hinweggefegt, die ein genau definiertes Stadtgebiet bereicherten und belebten und die mit einer Dynamik von Wohn-, Handels-, Produktions- und Freizeitcharakter verbunden waren.“[8]
Als ich an einem wolkenverhangenen Aprilmorgen wieder einmal den Tiber entlang gehe, knallt es laut. Eine junge Frau und ich sind eben dabei uns zu kreuzen, als etwas neben uns förmlich explodiert. Ich denke, dass es eine Flasche gewesen sein muss. Wie gefährlich! Doch als wir zwei genauer hinsehen, bemerken wir, dass es sich um einen Plastikbecher handelt, der durch die Höhe des Falls und das Gewicht seines Inhalts eine rechte Wucht entfaltet hat. Irgendjemand hat achtlos sein noch volles Getränk über die steinerne Brüstung zum Tiber hinuntergeworfen. Die Person bleibt ohne Gesicht. Dass sie die junge Frau oder mich mit ihrer Achtlosigkeit hätte verletzen können, hat sie nicht gekümmert.
Mir wird jedoch klar, dass der Tiber in den Tiefen des Flussbettes nicht nur sein Gesicht verloren hat. Jeglicher Respekt ihm und Tiberinus gegenüber scheint verloren gegangen zu sein. In einer Zeit, in der uns zunehmend bewusster wird, dass wir die Natur geschädigt und ausgebeutet haben, erhält das „Erinnere dich an mich“ eine neue Bedeutung. Was heute so locker als Ökosystemleistung der Flüsse und Quellen abgetan wird, ist viel mehr. Wasser ist Leben und als solches ebenso lebendig wie wir.
Mein Ursprung liegt im Apennin
Ausgerechnet der Faschist Benito Mussolini kehrt in verquerer Weise zur Heiligkeit des Tibers zurück. Doch der Duce hatte dabei weniger vor, dem Flussgott Tiberinus zu huldigen, als vielmehr eine Götterdämmerung heraufzubeschwören, ganz Italien umzuformen, neu auszurichten und gar zu ‹retten›. Dazu gehörte die schummrige Verliebtheit in die Symbole der Schöpfungsgeschichte Roms, die sich dieses Imperium sprichtwörtlich auf die Fahnen geschrieben hat.
Das im Ersten Weltkrieg gedemütigte Italien sollte „back to the future“, sollte sich an seine Ursprünge erinnern, durch Krieg abgehärtet werden und daraus eine gloriose Zukunft schöpfen. In sein Modernisierungsprojekt einverleibt hatte Mussolini zuvor die Kampfschreie des italienischen Futurismus: Maschinen, Technik und Beschleunigung. Der Künstler Umberto Boccioni etwa hatte Jahre zuvor diese allgemeine Zukunftsrichtung in der Bronzeskulptur „Einzigartige Formen der Kontinuität im Raum“ bildhaft umgesetzt. Was ich in dieser Skulptur allerdings sehe, ist bedeutend weniger abstrakt, als der Titel annehmen lässt. Es ist die räumliche Darstellung eines Kriegers, um nicht zu sagen des Kriegsgottes Mars selbst, der in Riesenschritten den Raum zu durchschreiten scheint. Der Wind weht ihm um die Ohren.
Mars hat in der langen Geschichte Italiens auf seinem Marsch zur Grösse viele Opfer zurückgelassen. Es mag eine eher belanglose Beobachtung meines Aufenthalts in Rom sein, aber nirgends habe ich so viele Kriegsdenkmäler angetroffen wie in dieser Stadt. Für gefühlt jeden Erfolg und jede Niederlage in der antiken Geschichte des Römischen Imperiums, der Kriege im Mittelalter, des Risorgimento, des Kriegs in Äthiopien, der zwei Weltkriege usw. findet man Inschriften oder Tafeln an Bauten und Denkmälern, auch Plätze und Strassen sind nach ihnen benannt. Besonders innig ist die Heldenverehrung im Fall von Niederlagen. Im „Parco della rimemberanza“ etwa gibt es nicht nur ein Kriegsdenkmal, sondern gleich mehrere. Und mit einem gewissen Unglauben lese ich, dass den gefallenen Soldaten und Studierenden der Universität La sapienza von Rom im Ersten Weltkrieg posthum eine „laurea per onore“, ein ehrenvoller Abschluss erteilt wurde.
Als ich das Gelände der Uni besuche, fällt mir zuerst dessen Nüchternheit mit seinen vielen Nutzbauten auf. Nichts ist gewachsen und historisch verspielt wie beispielsweise in der britischen Universitätsstadt Cambridge. Auf dem Hauptplatz glitzert mir eine blanke Wasserfläche entgegen, kein Teich, sondern eine neutrale Oberfläche. Dahinter steht hoch aufgerichtet die Bronzestatue einer Minerva. Zuerst wirkt sie einfach sehr ungewohnt auf mich: Ich hatte Minerva nicht mit einer Schlange und einem kleinen Drachen, der auf ihrem Haupt prangt, in Verbindung gebracht. Mit Schild und Speer hingegen schon. Denn Minerva ist nicht nur die Göttin der Weisheit, sie ist auch die Schutzherrin von Städten und vielen Schlachten gewesen. Unmittelbar hinter der Minerva-Statue liegt ein architektonischer Riegel aus Kalkstein und in dessen Mitte, mit grossen, hohen quadratischen Eingangssäulen, das Rektorat, rechts davon die „Facoltà lettere e filosofia“, links davon die „Facoltà di giurisprudenza“. Sauber und gigantisch alles und wie ich sofort erkenne: faschistisch.
Die Gebäude wurden in den frühen 30er-Jahren gebaut und 1935 mit Pomp eröffnet. Die Minerva, ursprünglich als eine Säule geplant, wurde 1934/35 als Skulptur umgesetzt, für die die Göttin eine säulenartige Gestalt angenommen hat. In alarmistischer Pose wirft sie beide Arme in die Luft, einen mit Schild, den andern mit Schlange und Speer. Diese Minerva scheint zu etwas aufzurufen und schaut mit strengem Blick in die Ferne. Klar, dass die Bildung einen wichtigen Beitrag zu jenem „Neuen Menschen“ beizutragen hatte, wie er Mussolini vorschwebte. Bereits 1917 habe er in „Popolo d’Italia“ geschrieben: „Das italienische Volk ist in diesem Augenblick eine Masse aus wertvollem Material. Man muss es schmelzen, es von seinen Unreinheiten reinigen, es bearbeiten. Ein Kunstwerk ist noch immer möglich. Es braucht eine Regierung. Einen Mann, der das Fingerspitzengefühl des Künstlers hat und die eiserne Faust des Kriegers. Einen sensiblen und willensstarken Mann. Einen Mann, der das Volk kennt, der das Volk liebt, es führt und es unterwirft – auch mit Gewalt.“[9]
Auch in unseren Zeiten werden wieder Kultur- und Identitätskämpfe ausgefochten. Vielleicht ist es für mich deshalb nachvollziehbar, wie damals das System Faschismus alle Werte umzuprägen und sich die Bildung zu unterwerfen versuchte. Mussolinis grössenwahnsinnige Vision forderte den absoluten Gehorsam seiner Bürgerinnen und Bürger. Von den damaligen 1200 Professoren soll sich nur eine Gruppe von zwölf geweigert haben, einen Treueschwur auf den Duce zu leisten. Sie wurden alle entlassen. Doch bald darauf gab es eine „migrazione dei cervelli“[10], wie es so schön auf Italienisch heisst. Der Wissenschaftler und Nobelpreisträger Fermi zum Beispiel nutzte 1938 den Nobelpreis für Mathematik, um mit seiner jüdischen Frau nach New York abzuwandern. Natürlich gibt es graduelle Unterschiede zwischen dem Versuch des Faschismus, den vor allem männlichen „neuen Menschen“ zu schaffen, und unserer Gesellschaft, in der der Wunsch nach Diversität und Individualität durch konservative ideologische Weltbilder aufs Korn genommen wird. Der Eifer heutiger Kulturkämpfer ist dennoch nicht zu unterschätzen.
Doch nun zurück zur Frage, worin die Beziehung von Mussolini und dem Tiber bestand. Der Duce hatte 1924 die Grenzen der Region, in der der Tiber entspringt, neu ziehen lassen und dafür gesorgt, dass die Quelle in den Bergen des Apennins nicht mehr in der Toskana, sondern in der Emilia-Romagna liegt, in der Region seiner Geburt. Mussolini errichtete 1934 ausserdem an der Quelle eine Säule aus Travertin mit der Inschrift: „Qui nasce il fiume sacro ai destini di Roma.“ (Hier entspringt der Fluss, der dem Schicksal Roms heilig ist.) An drei Seiten der Säule sind Wolfsköpfe angebracht. An ihrem oberen Ende thront ein mächtiger Adler, der nach Rom blickt. Beide − sowohl die Wölfin wie der Feldadler − sind Symbole des Römischen Imperiums und der Ewigen Stadt. Der Futurismus hatte den Duce angefeuert, aber noch mehr tat es ihm das Imperium unter Augustus an.
Mit einem einfachen Strich auf der Landkarte hat Benito Mussolini seinen eigenen geographischen Ursprung und denjenigen des Flusses gleichgeschaltet und sich damit als legitimen Nachfolger römischer Kaiser inszeniert. Diese Geste bezeugt zum einen die ungeheure Eitelkeit des italienischen Führers, aber auch sein propagandistisches Talent, fast schon seine Superpower, gepaart mit einem Hang zur Geschichtsklitterung. „Il Tevere“ hiess übrigens auch eine faschistische Tageszeitung, die von 1924 bis 1943 erschien und bei deren politischer Ausrichtung Mussolini auch seine Hand im Spiel hatte.
Tiberinus mag die Funktionalisierung von Wasser hingenommen haben. Er mag beobachtet haben, wie menschengemachte Bauten wie Aquädukte einen ansehnlichen Teil seiner Rolle für ein gieriges Rom nahmen. Aber wenn sich der Flussgott Gehör verschaffen könnte, dann würde er wohl die Instrumentalisierung seiner Geschichte für faschistoide Zwecke bedeutend negativer bewerten. Denn Mussolini ging es nie und nimmer um den Tiber oder Tiberinus, um dessen Leistung für die Gründung und das Aufstreben der Stadt und des Imperiums – ihm ging es um die Spaltung von Funktion und Göttlichkeit. Nicht den Fluss, sondern seine Heiligkeit wollte Mussolini in seinen Marketing-Mix einbinden. Er wollte den Gott Tiberinus beerben und Augustus obendrein.
Ich habe im Verlauf meiner Auseinandersetzung mit dem Tiber und Tiberinus verstanden, wie wichtig Flüssen ihre Herkunft ist. Im Fall des Tibers ist es der Kalkstein des Apennins. Aber Flüsse, gleich wo auf dieser Welt, stehen für den Ursprung von Landschaften, Dörfern und Städten. Sie entspringen einer Quelle oder einem Quellgebiet und fliessen von dort weiter, suchen sich immer wieder von Neuem einen Weg, gespeist durch andere Gewässer, die sich mit ihnen vereinigen, sich selbst verbinden mit noch grösseren Strömen, bis sie letztlich in einem der Weltmeere aufgehen. Flüsse sind durch ihre Herkunft und die Reise durch die Landschaften, durch die sie fliessen, geprägt und haben diese zugleich mitgestaltet.
Wenn Tiberinus also sagt: „Erinnere dich an uns“, dann spricht er über ein gigantisches Netzwerk von Tausenden von Lebensadern auf diesem Planeten. Ich verneige mich innerlich vor dem alten nassen Mann und weiss, dass er mir recht gibt. Er ist stolz auf seine Schülerin, die mit ihrer Erforschung Rom gleichsam bis zum Ursprung des Lebens zurückgewandert ist. Sollen die Römer und Römerinnen doch glauben, dass der Tiber ihnen alleine gehört. Oder soll sich Benito Mussolini mit fremden Federn schmücken. – Ginge es nach mir, hätte der Flussgott alles Recht dazu gehabt, den Duce zu einer Salzsäule erstarren zu lassen. Oder gehört dieses Bild in eine andere mythologische Welt?
Ihr werdet auf den Ozeanen leben
Tiberinus hat mein Interesse geweckt und mich von meinem Schreibprojekt abgebracht. Ich bereue es nicht im Mindesten, meine Zeit in Rom anders verbracht zu haben. Denn er hat mich aus mindestens zwei Gründen fasziniert: Ein erster ist aus meiner Familiengeschichte geschöpft, ein zweiter ist eher ökophilosophischer Natur. Durch ihn erinnere ich mich an meine eigene Herkunft. Sie liegt in einer Ebene, in der zwei andere Flüsse fliessen, der Po und der Piave. Dieser Teil meiner Wurzeln stammt von meiner Mutter. Italien ist mein Mutterland und Italienisch meine Muttersprache, obwohl ich diese Sprache mehr schlecht als recht beherrsche. Auf eine etwas mäandrierende Weise habe ich mich meinem Erbe genähert, meinen etruskischen, sabinischen, römischen und vermutlich auch langobardischen, vandalischen oder gotischen Wurzeln. Doch so unergründbar der unterirdische Zusammenfluss von Tropfen und Rinnsalen von Wasser ist, bis er sich zum Bach formt, so wenig nachvollziehbar ist letztlich die Reise meiner Vorfahren durch die Jahrhunderte. Darum begnüge ich mich hier zum Abschluss lieber mit einigen ökophilosophischen Gedanken, zu denen mich Tiberinus und Egeria inspiriert haben.
Ich habe mich zunächst gefragt, welchen Nutzen es haben kann, in die Vorgeschichte oder eher in die Mythologie des frühen Roms zurückzublenden und sich an eine Flussgottheit und eine Nymphe zu erinnern. So auf Anhieb: keinen direkten. Dennoch könnte man fragen: Brauchen wir angesichts des Klimawandels und des Verlusts der Biodiversität nicht auch einen „Neuen Menschen“; einen ökologisch bewussten, der sich der Wichtigkeit von Flüssen, Quellen, von Grundwasser oder Meeren bewusst ist? − Vielleicht schon, aber nicht einen Menschen, der sich die Erde untertan macht, keinen selbstbezogenen Menschen, der sich ins Zentrum des Universums stellt. Im Gegenteil: Heute muss es um die Ko-Kreation zwischen Natur und Menschheit gehen, damit sich die Natur ihren Raum zurückerobert und sich die Menschheit in das grössere Projekt der Regeneration des Planeten einordnet.
Die Naturwissenschaften haben uns beigebracht, wie die Biosphäre und die Atmosphäre funktionieren. Aber rein kognitives Wissen und empirische Daten reichen nicht, um eine Passion und den Wunsch zu entfachen, die Natur zu respektieren. Haben die Römerinnen als Erste in grossem Stil Wasser funktionalisiert, so hat die moderne Wissenschaft es endgültig entmystifiziert. In diesem Zusammenhang kann ein Vergleich zwischen früher und heute produktiv werden. Man stelle sich nur mal vor, dass sich unsere Führungspersönlichkeiten durch Träume oder Gespräche mit der Essenz von Wasser, Wäldern und Wiesen zu gesellschaftlich, wirtschaftlich und ökologisch gewinnbringenden Politiken und Massnahmen bewegen lassen. Wem Träume zu diffus sind und wer nicht an Gespräche mit Flussgöttern oder Nymphen glauben mag, der könnte sich von der Geschichte dazu inspirieren lassen, alte Weisheiten in die Zukunft mitzunehmen.
Aktuell sieht die Bilanz jedoch nicht gut aus, wenn es um eine gelebte Ko-Kreation von Natur und Menschheit geht. Naturgeister haben in einer Jahrtausende alten schamanischen Praxis zwar noch ihren Platz, getragen von einer kleinen Gruppe von Sonderlingen und Romantikern, wie man sie heute vielleicht herabsetzend nennen würde. Und natürlich spielen Naturgeister in Legenden, Sagen und Märchen für Kinder eine Rolle, vor allem für deren moralische Entwicklung. Gottheiten und Nymphen aller Art sind Figuren, die durch unsere Popkultur geistern und von Walt Disney und Co. an die jeweiligen Trends angepasst werden. (Während ich diesen Text schreibe, erregt gerade eine kleine schwarze Meerjungfrau die Gemüter, die der dänischen nachempfunden ist. Denn selbst die wohlgemeinte Aneignung einer weissen Märchenfigur wird, wie in den oben erwähnten Kulturkämpfen, zum Streitobjekt.) Mit Symbolen oder Naturmetaphern kommen wir zumeist klar. Das haben uns viele Dichter und Dichterinnen vorgelebt. Die Schönheit der Natur zu besingen, ist immerhin ein Anfang.
Für Erwachsene und mehr noch für Bildungseliten, die mit einem westlichen Wissenschaftsverständnis aufgewachsen sind, gehören Tiberinus und Egeria jedoch in die Welt einer weit zurückliegenden Mythologie. Immerhin anerkennt heute eine internationale Gemeinschaft von Naturschützenden, dass indigene Völker und Stämme über Traditionen und das Wissen verfügen, um natürliche Ressourcen nachhaltig zu bewirtschaften. Vor vielen Jahren bin ich in diesem Zusammenhang den Hopi-Indianern im Südwesten der USA begegnet: Ihr „Gott“ hinterliess dem Stamm Prophezeiungen, die bis weit in die Neuzeit reichen. So wurden ihnen beispielsweise Vögel aus Eisen vorausgesagt, die am Himmel fliegen würden. Handkehrum reicht die Überlieferung bis in die Ursprünge der Menschheit zurück. Unserer aktuellen Welt gingen drei Vorgängerinnen voraus. Als die Hopi in den 60er-Jahren die ersten Anzeichen dafür beobachteten, dass sich die Natur in einer bedrohlichen Art und Weise verändert, deuteten sie dies als Vorboten des kommenden Weltuntergangs. Abgesehen davon, dass die Hopi Meister einer zutiefst ökologischen Lebenshaltung sind, fand ich es bemerkenswert, dass sie aus dieser einen moralischen Imperativ ableiteten und ihre Erkenntnisse nicht einfach für sich behielten: Sie versuchten mehrmals, an die UNO zu gelangen und ihre Sorge über den Zustand des Planeten mitzuteilen.
Was mich also so fasziniert, ist der ungebrochene zeitliche Horizont. Stämme, beispielsweise in Süd- oder Nordamerika, haben einen Heimvorteil, den wir in Europa kaum mehr haben. In Europa haben wir den Bezug zu, sagen wir mal, keltischem oder römischem Wissen so gut wie verloren. In den USA hingegen oder in Australien entfacht das Erbe indigener Völker ein neues Verständnis für die Natur. Bis hinein in die wissenschaftlichen Gemeinschaften der Ökologie, Evolutionsbiologie, Philosophie oder Anthropologie wird eine ausschliesslich dualistische Trennung von Untersuchungsobjekt und Subjekt des Forschenden kritisch diskutiert und relativiert.
Autorinnen in den USA oder in Australien besinnen sich etwa auf Konzepte der „kinship“, der Verwandtschaft von Menschen mit Tieren, Pflanzen, Gewässern oder Bergen. Der Fluss im eigenen Dorf ist einem so nahe wie ein Onkel oder die Grossmutter. Unlängst habe ich von einer australischen Ökophilosophin folgende Geschichte gehört: Sie hielt die Hochzeit ihrer Tochter am Ufer des lokalen Flusses ab. Es sei „second nature“, also selbstverständlich für sie geworden, den Fluss als Teil ihrer Familie zu betrachten. Wenn der Fluss zu einem Gast unter anderen Hochzeitgästen wird, ist es nicht mehr weit, sich Zeit für ein Gespräch mit ihm zu nehmen.
Ich will nicht sagen, dass wir Flüssen oder Quellen wieder Tempel oder Nymphäen bauen sollten. Aber um auf diesem Planeten zu überleben, müssen wir uns die Naturgesetze auf einer tiefgründigen Ebene zu eigen machen. Wir alle können nachvollziehen, dass wir zu 70 Prozent aus Wasser bestehen. Wenn wir die oben beschriebene Trennung aufheben, dann ist eine ganz andere Form der Bezogenheit mit dem Ökosystem möglich, in dem wir leben und an dem wir teilhaben. Wenn wir eine gesunde Umwelt für alle, für Tiere, Pflanzen, Pilze, Gewässer und Menschen aufrechterhalten, dann zollen wir im Grunde einem Tiberinus oder einer Egeria Respekt. Nicht, weil wir uns Göttern und Göttinnen unterwerfen wollen, sondern weil wir ohne funktionierende Ökosysteme unser eigenes Überleben gefährden.
Was also, wenn der Tiber, die Seine, die Aare oder die Donau nicht nur mit mir sprechen würden, sondern mit allen, die bereit sind, zuzuhören? Wie wird jemand vom Spaziergänger mit oder ohne Hund oder von einer Konsumentin von Naturidylle zwecks Entspannung zu einer Partnerin auf Augenhöhe? Eine solche Person tritt gleichsam durch den Bilderrahmen hindurch in das Ökosystem ein, das sie gerade betreten hat. Sie betrachtet nicht nur, sie nimmt teil. Sie überschreitet damit die Schwelle in Richtung einer Erfahrung von „Hypernatur“. Denn wenn wir allen Lebewesen Lebendigkeit, Bewusstsein und gar Handlungsfähigkeit zusprechen und wenn wir ein Teil von ihr sind, dann wird die ganze natürliche Umwelt plastischer, packender und prallvoll mit Anknüpfungspunkten zum eigenen Selbst.
Der Fluss Tiber hat gesehen, dass ich ihn auf meinen Spaziergängen durch Rom beobachtet habe. Genauso hat er mich beobachtet und mich in seine Welt eingeladen. Der Tiber hört den Vögeln zu, die am Ufer singen. Er spürt den Wind über seine Oberfläche gleiten und verwandelt ihn in Wellen. Er weiss, wo die Fische schwimmen, die Möwen fischen und wo ein Felsbrocken oder eine Insel in seinen Fluten liegt. Er umschmeichelt beide mal sanft, mal heftig.
Genauso kennt Tiberinus die wirklichen „barboni“, die Flüchtlinge und Heimatlosen, die an seinem Ufer in Rom notdürftig campieren. Der Flussgott Tiberinus kann sich mit den Entwurzelten identifizieren, auch er lagert gerne am Ufer des Tibers. Er passt sich der Zeit an. Doch er zeigt mir, dass auch er, wie etwa die Hopi, im Feld der Prophezeiungen versiert ist. Ich pilgere nochmals zum Ponte Milvio, hoffe ihn dort zu treffen, um mich von ihm zu verabschieden. Doch er lässt sich nicht blicken. Ich will mich schon abwenden, da macht er nur für meine Ohren eine letzte zugespitzte Aussage: „Ihr werdet in der Zukunft auf den Meeren leben. Geht respektvoll mit euch um.“
Ich weiss nicht recht, ob mich diese Äusserung beruhigen oder sorgen soll. In Zeiten der fortschreitenden Erhitzung der Atmosphäre spielen die Gewässer und Meere eine entscheidende Rolle. Während ganze Landstriche austrocknen, werden andere übermässig viel Regen abbekommen. Durch das Schmelzen des Ewigen Eises wird der Meeresspiegel steigen und viele Küstenstädte werden in den Meeren versinken. Ihr werdet in der Zukunft auf den Meeren leben. Damit zeichnet Tiberinus ein Zukunftsbild, das ein Quäntchen Hoffnung enthält. Vorausgesetzt, dass die Menschheit den Übergang in diese Zukunft mit weniger oder zu viel Wasser in Flüssen und Bächen und Siedlungen auf den Meeren in gegenseitigem Respekt meistert, könnte ein Leben nach oder mit dem Klimawandel gelingen.
[1] Schwab, G. (1958). Die schönsten Sagen des klassischen Altertums. Sonderausgabe des Buchclubs Ex Libris.
[2] Meyers, G. (2009). The divine river: Ancient Roman identity and the image of Tiberinus. In: The nature and function of water, baths, bathing and hygiene from antiquity through the renaissance. Series technology and change in history, Vol. II (pp. 233–247). Kosso, C & Scott, A. (Eds.). Brill publisher
[3] Wren, L. (1987). Roman Art. In: L. H. Wren & D. J. Wren (Eds.), Perspectives on Western Art. Harper & Row.
[4] https://lateinon.de/uebersetzungen/ovid/metamorphosen/goldenes-zeitalter-89-112/.
[5] Weck, W. (2013). Die Gestalt Frontins in ihrer politischen und sozialen Umwelt. In: Frontinus Gesellschaft e.V. (Ed.), Die Wasserversorgung im antiken Rom. Sextus Iulius Frontinus, sein Werk in Lateinisch und Deutsch und begleitende Fachaufsätze. DIV Deutscher Industrieverlag.
[6] Dito.
[7] Schwartz, P.-A. (2006). Gewässerkorrektur in römischer Zeit. Gewässer zwischen wirtschaftlichem Nutzen und religiöser Verehrung. Forschung in Augst 39.
[8] Segarra Lagunes, M. M. (2004). Il Tevere e Roma. Storia di una simbiosi. Gangemi Editore.
(„Il taglio radicale che la costruzione dei muragli ha costituito per questi luoghi ha spazzato via un universo di eventi e di intrecci economici, sociali e architettonici che arrichivano e rendevano vitale un ambito urbano, preciso e ben delimitato, e che aveva attinenze con dinamiche di tipo abitativo, commerciale, produttivo, ludico.”)
[9] Betz, A. (2010). Der „Neue Mensch” im Italo-Faschismus. Deutschlandfunk. https://www.deutschlandfunk.de/der-neue-mensch-im-italo-faschismus-100.html.
[10] Die Abwanderung von Talenten oder „brain drain“.
