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Hier als PDF oder unten als Originaltexte auf dieser Seite. Der oberste Essay ist der jeweils aktuellste.

Eine Sprache für die Liebe ist die Sprache der Natur (Essay 1): Eine Sprache für die Liebe ist eine Sprache der Natur

Mit dem Tiber auf Augenhöhe (Essay 2): Fortsetzung von: Mit dem Tiber auf Augenhöhe (PDF, 316 KB);  At eye level with the Tiber. An essay by Claudia Acklin (english version) (PDF, 261 KB); All’altezza del Tevere. Un saggio di Claudia Acklin (versione in italiano) (PDF, 227 KB)

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Blatt im Herbstwind
Blatt im Herbstwind

Die Sprache der Liebe ist eine Sprache der Natur. Von Claudia Acklin (Essay 1)

„Unsere Tage werden wie die Blüte sein, die so hell um dich herum blüht.“  Liedtext aus: Der Wächter – der grosse und einsame Gott, südkoreanische Serie von 2016

Ich habe in meinem Leben einige Liebesbeziehungen erlebt. Schöne und schwierige, lange und kurze, sanfte und heftige. Doch verstanden habe ich die Liebe dabei wohl kaum. Ich war oft voller Sehnsucht, tausend Schmetterlinge flatterten in meinem Bauch. Waren wir endlich zusammen, war alles wunderbar und – nochmals später – erwiesen sich die Gefühle der Verliebtheit als von kurzer Dauer. Ich hangelte mich von Abgrund zu Abgrund und überwand Einsamkeit und Schmerz mitten in einer vermeintlich glücklichen Beziehung. Ich habe die Landschaften dieser Lieben durchschritten, ohne die Landschaft wirklich gesehen zu haben. Doch kann man lieben, ohne die Liebe zu verstehen?

Heute weiss ich, dass es für ein wirkliches Durchschreiten dieser Landschaft etwas Arbeit braucht. Es wäre wohl hilfreich gewesen, wenn wir in der Schule ausser Rechnen und Schreiben auch auf die Kunst des Liebens vorbereitet worden wären. Nicht auf der Ebene von Schulbüchern oder Ratgebern, die unsere Bibliotheken füllen, auch nicht mit der öden Anschaulichkeit des Sexualunterrichts. Es hätte vielmehr um die Gefühle selbst gehen müssen, um die Sprache, mit der man sie ausdrückt, um Poesie und ihre Bilder von Spaziergängen in nebligen Wäldern oder entlang plätschernder Bäche mit ihren flirrenden Libellen. Wenn Sie dies eine etwas seltsame Art und Weise finden, unsere Liebesfähigkeit zu verbessern, dann lesen Sie weiter.

Vor einigen Monaten sind in meinem Leben zwei Dinge gleichzeitig passiert: Ich machte mich auf, einen Liebesroman über einen Stoff aus meiner Jugendzeit zu schreiben, der wie ein Versprechen lagerte und Staub angesammelt hatte. Ich warf mich mit Gusto in die Arbeit, straffte die Handlung, überprüfte die Themen in Bezug auf ihre aktuelle Relevanz für mich und gar für die Welt. Und gleichzeitig: Ich verbrachte viele Stunden auf meinem Sofa mit einem iPad in der Hand, weil ich nach Abschluss meines Berufslebens dort müde und körperlich angeschlagen gelandet war. Produktiv und effizient zu sein wie früher, ging einfach nicht. Netflix zu konsumieren jedoch schon.

Dabei stolperte ich über ein K-Drama, eine südkoreanische Romanze mit dem sprechenden Titel Crash landing on you, Bruchlandung auf dir, die zu meinem Amusement am Rande auch noch in der Schweiz spielte. Diese Bruchlandung auf mir hatte ich nicht kommen sehen. Ich tauchte ein in einen nicht enden wollenden Reigen von Liebesfilmen und Komödien, von Historien- oder Fantasy-Serien, von Thrillern usw. Ich watete dabei weit hinein in die Welt der bekannten – und deshalb nicht weniger befriedigenden − Klischees, stolperte dabei aber über eine südkoreanische Andersartigkeit, die nicht nur mein Herz zum Klopfen brachte, sondern auch meinen Geist kitzelte. Noch weniger hatte ich erwartet, dass mich diese doch recht andere Art der Anbahnung von Liebesbeziehungen in südkoreanischen Serien ins Grübeln bringen würde und mich schliesslich auf die nicht wirklich beantwortbare Frage zurückwerfen sollte, was Liebe überhaupt ist und wie sich eine Sprache für die Liebe anhören und anfühlen müsste.

Wie ist es möglich, dass sich in K-Romanzen das Verlieben wie ein Blütenrausch oder wie der Zauber des ersten fallenden Schnees anfühlt? Es dauert oft Ewigkeiten, bis in ihnen eine Liebe vollständig erblüht. Männer sind wahre Helden und dennoch verletzlich. Frauen sind Kämpferinnen und schlafen dennoch mit sinnlos kitschigen Plüschtierchen im Bett. Hinzu kommt, dass die Dialoge eine besondere poetische und emotionale Tiefe zu haben scheinen. Viele sind von Naturmetaphorik durchtränkt.

Ganz anders in unseren Breitengraden: In westlichen Serien herrscht bei der Beziehungsanbahnung ein Ex-und-hop-Tempo vor. Der erste Sex muss gleich auch als Beweis dafür herhalten, dass es sich wohl um wahre Liebe handelt. Natürlich gibt es auch in westlichen Dramen viel Herzschmerz. Aber kein anständiger romantischer Held einer amerikanischen Serie würde seiner Angebeteten ein Gedicht vorlesen oder ihr eine Liebeserklärung in Form einer Wettervorhersage machen. Ich bemerkte plötzlich: Diese Durchdringung der Liebessprache mit Poesie hatte ich vermisst. Und dass man sich daran abarbeiten kann, was die Essenz von Liebe ist.

Ich befürchte, meine Prämisse ist bereits recht kitschig ausgefallen. Doch die K-Dramen bewegen mich so, dass ich den Code der Meister und Meisterinnen des Geschichtenerzählens knacken möchte. Natürlich werde ich dabei nicht ohne Klischees auskommen. Ich werde mich notgedrungenermassen gar mit Kitsch beschäftigen müssen, der auch als Suche nach der Essenz von Liebe verstanden werden könnte, nicht? Ich werde nicht denken, dass meine Interpretationen der K-Dramen die koreanische Gesellschaft so widerspiegeln, wie sie ist, sondern werde sie als traumartige, humorvolle, wilde, kluge, moderne Märchen verstehen, die uns trösten, beruhigen und manchmal erziehen möchten. Als ehemalige Filmkritikerin war ich nie der Meinung, dass die Popkultur nur Produkte für das dumme Volk hervorbringt, sondern dass die Traumfabriken dieser Welt einen wertvollen service public leisten, weil wir ein Recht darauf haben, ab und zu dem drögen Alltag zu entfliehen.

Ich habe mich in den letzten Monaten gefragt, ob die asiatischen K-Dramen mit ihrer erfrischenden Andersartigkeit nicht der Zerrüttung der Liebe im Westen seit den 60er- und den 70er-Jahren trotzen, einer Entwicklung, vor der Erich Fromm bereits 1956 in seinem Buch Die Kunst des Liebens gewarnt hat. Er schrieb damals: „In einer Kultur, in der die Marketing-Orientierung vorherrscht, in welcher materieller Erfolg der höchste Wert ist, darf man sich kaum darüber wundern, dass sich auch die menschlichen Beziehungen nach den gleichen Tauschmethoden vollziehen, wie sie auf dem Waren- und Arbeitsmarkt herrschen.“ Sein Buch ist aktueller denn je, aber auf dem Hintergrund der Klimakrise ist es weniger gut gealtert. So hat er etwa den Taoismus und Schamanismus nicht verstanden, der den philosophisch-spirituellen Boden der koreanischen Kultur bildet. Doch ich greife vor.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass Südkorea, das vor Kurzem fast noch ein Entwicklungsland war, in den letzten Jahren die Welt mit einer Welle, mit einer hallyu der Kulturprodukte und mit soft power erobert hat. Ich werde versuchen darzustellen, dass die K-Popkultur uns etwas voraushat. Und ich stelle die Frage, ob die Fähigkeit, Poesie und Naturmetaphern in der Sprache für die Liebe zu nutzen, nicht sogar eine süsse Waffe gegen den Klimawandel ist. Denn wer verstanden hat, dass wahre Liebe immer auch All-Liebe bedeutet, die Liebe für einfach alles, und dass darin die Natur stets inbegriffen ist, für den wird sie Bilder und Worte bereithalten, um die höchsten der Gefühle auszudrücken. Diese All-Liebe wird uns aber auch in Angst und Schrecken versetzen, wenn die Natur verschwindet, die uns zu einer Sprache für die Liebe inspiriert hat.

Andersartigkeit in einigen Punkten

Vereinfacht gesagt: Erst eine wahre Liebesbeziehung macht uns zu Menschen. In den südkoreanischen Dramen ist jedoch dorthin zu gelangen ein zäher Prozess. Für westliche Sehgewohnheiten bahnen sich Beziehungen in K-Dramen unendlich langsam an. Die Protagonisten pendeln zwischen Anziehung und Abstossung hin und her, obwohl bald klar ist, dass sie von nichts Geringerem als dem Schicksal dazu bestimmt sind, sich zu finden. Das Konzept der schicksalshaften Beziehung ist im Westen schon etwas angeknackst oder gar durch die Idee der seriellen Monogamie mit passenden Lebensabschnittspartnern verdrängt worden. In südkoreanischen Romanzen ist jedoch die erste Liebe magisch und der Ursprung einer langanhaltenden Beziehung. Oft stellen die Protagonisten mitunter fest, dass sie sich zuvor schon begegnet sind, ohne dies bemerkt zu haben. Beziehung entsteht also nicht über Nacht, sondern das Paar muss sämtliche potenziellen Beziehungsprobleme mehrfach durchgespielt haben, bevor es zueinander findet.

Glücklicherweise löst sich in K-Dramen die Spannung zwischen den Liebenden nach rund zwei Dritteln der Episoden auf. Doch nachdem die zwei Ja zueinander gesagt haben, stapeln sich neue Hindernisse auf wie die Erwartungen der Eltern, unterschiedliche Herkunft und sozialer Status, Geheimnisse, die plötzlich zur Last werden. In südkoreanischen K-Dramen ist eine konfuzianische, durch Hierarchie geprägte Familien- und Arbeitsordnung stets präsent. In ihnen gibt es Aussenseiterinnen, Rebellen oder Spinner, die den Status Quo aufzumischen versuchen. Ihnen wird es nicht einfach gemacht. Doch die Liebe ist die Himmelsmacht, die disruptiv wirkt und selbst althergebrachte Rollen und Hierarchien hinterfragt. Wenn diese Hürden auch noch überwunden sind, folgt das happy ending, welches sowohl romantisch wie realistisch ist, weil sich das Paar bereits aufeinander eingespielt hat.

Sex ist lange Zeit in K-Dramen kein Thema. Es scheint den Protagonisten nicht in erster Linie um physische Anziehungskraft allein zu gehen und schon gar nicht um eine rasche Bedürfnisbefriedigung („Süsse Dinge isst man nicht aufs Mal“, sagt ein Wassergott im Drama Die Braut des Habaek). Sondern zuerst müssen die Verliebten beweisen, ob sie sowohl dem andern helfen wie auch für sich selbst sorgen können. Will heissen, die Figuren horchen zuerst mal in sich hinein, welche Gefühle am Entstehen sind. Und sie können ungeheuer differenziert über ihr Innenleben sprechen oder sehr beredt schweigen. Nicht die fatal attraction ist sexy, sondern Fürsorge für sich selbst und später die Hingabe an den andern.

Die Drehbuchautorinnen und -autoren sind gewiefte Traumatologen. Kaum eine Figur kommt ohne eine mitunter dramatische, verdrängte Geschichte aus der Kindheit oder Jugend aus, die bei der Begegnung mit dem Schicksal unweigerlich aufpoppt. Oft scheint das Trauma gar die Beziehung zu verunmöglichen, sicher aber zu behindern. Hinter den vermeintlich leichtfüssigen Tanzschritten aufeinander zu und wieder voneinander weg verstecken sich Gefühle des Selbstzweifels, der Trauer, der Wut. Oder der Scham.

Scham scheint mir ein im Westen unterschätztes Gefühl zu sein. Wir beschäftigen uns zwar gerne mit Depressionen aller Art, mit Zwangsstörungen, mit Autismus oder Hyperaktivität. Aber über Themen der körperlichen wie der sozialen Scham rollen wir einfach hinweg. Hat uns die sexuelle Revolution der 70er-Jahre wirklich so befreit? In der Werbung oder in westlichen Produkten der Unterhaltungsindustrie ist Nacktheit selbstverständlich. In der Phase der Verliebtheit zeigt man, was man hat und was der andere kriegen wird, nicht was man fühlt. In den K-Dramen ist hingegen das Sich-zum-ersten-Mal-nackt-Sehen ein beinah existenzieller Moment der Entwicklung der Liebesbeziehung.

Natürlich sind die sich auftürmenden Hindernisse in einer sich anbahnenden Liebesbeziehung eine der ältesten Erzähl-Strategien der erotischen Literatur. Im Idealfall haben die zwei Liebenden in spe zu Beginn Vorurteile oder sind zu stolz – Price and Prejudice lässt grüssen –, oder sie sind verfeindet – Romeo und Julia ebenfalls. Speziell an K-Dramen ist jedoch die Akribie, wie sowohl soziale, kulturelle, politische wie ethische Hindernisse zwischen den Liebenden wahrgenommen und diskutiert werden. Selbst hypothetische Probleme wie ein Minderwertigkeitsgefühl im Kopf eines Liebenden müssen überwunden werden, oft mithilfe von Gesprächen mit Freundinnen und Bekannten. Solange und so viele Male, bis die Hauptfigur verstanden hat, dass selbst eine unangenehme Eigenschaft des andern oder ein rätselhaftes Verhalten sein Gutes haben kann.

Dass man dem ersten Schwarz-Weiss-Bild einer Beziehung misstraut, entspringt einer Yin-Yang-Denkfigur. Im Guten ist stets auch das Schlechte enthalten und umgekehrt. Diese Grundannahme wirkt auch bei gröberen Konflikten deeskalierend. Würde man im Westen bei Unverträglichkeit und ersten Problemen bald einmal «… und tschüss» sagen, lässt man in K-Dramen den Dingen Zeit. Sie sollen sich ohne zu viel Einmischung entwickeln können. Auch dieser Trick ist uralt: Wenn sich die Erfüllung der Liebe nach vielen Hürden endlich Bahn bricht, wenn auch die schwierigsten Dilemmata gelöst sind, dann ist die Auflösung der Probleme wie ein wohlmundendes Läckerli zum Kaffee. Schmunzelnd erkenne ich auch oft die didaktische Absicht hinter den erzählerischen Pirouetten. K-Dramen erfüllen die Anforderung an Brot und Spiele für das Volk gekonnt und befriedigen das Bedürfnis nach einer éducation sentimentale meisterhaft, Folge für Folge. Und ich müsste noch anschliessen: Die Autoren und Autorinnen scheinen sich für ihre Geschichten einer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst zu sein.

Hintergründe – ohne abschreckende Wirkung

Ich habe versucht, mich etwas über die südkoreanische Erfolgsgeschichte der K-Popkultur schlau zu machen, die umso mehr glitzert und scheint, wenn man sie neben das hässliche Entlein Nordkorea stellt. Die internationale Welle soll der Sänger Psy losgetreten haben mit seinem seltsamen Jockey-artigen Tanz, den er zum Song Gangnam Style ausführt. Damals fand ich ihn ziemlich lächerlich, heute weiss ich aber, dass Psy sich über die Geldelite lustig macht, die im reichen Gangnam, einem Quartier von Seoul lebt. Ausgerechnet ein Nestbeschmutzer hat K-Pop den Zugang zum internationalen Markt verschafft. Es spricht für die Südkoreaner, dass sie mit Psy lachten und sich wohl sowohl über den weltweiten Erfolg freuten als auch wegen des für den Geldadel bestimmten Sarkasmus die Hände rieben.

Schon zuvor, Anfang der Nullerjahre, hat Südkorea auf den asiatischen Mark geschielt und fand ihn in Japan. Den Durchbruch von K-Dramen zur Bekanntheit über den Heimmarkt hinaus gelang 2002 mit Winter Sonata. Auf diese Serie, in der zwei Liebende getrennt werden, nur um sich Jahre später wieder zu begegnen, reagierten japanische Frauen mit ekstatischer Begeisterung. Offenbar war es für sie eine Offenbarung, dass die Männlichkeit des koreanischen Hauptdarstellers friedlich mit seiner Emotionalität koexistieren konnte. Für das einst durch Japan gebeutelte Südkorea war es eine Genugtuung, den ehemaligen Feind auf diese Weise zu erobern.

Sanftheit gepaart mit unbändigem Willen oder Kampfgeist ist ein wiederkehrendes Thema in K-Dramen. Die koreanisch-amerikanische Autorin Euny Hong beschreibt in ihrem Buch The Birth of Korean Cool: How One Nation is Conquering the World Through Pop Culture ein Gefühl namens han, für das es keine direkte Übersetzung gibt. Han besteht aus unterdrückten Ressentiments, aus Wut oder gar Selbsthass. Diese Gefühle seien tief in einer underdog-Identität vieler Koreanerinnen und Koreaner verwurzelt, deren Entstehung Hong unter anderem mit der brutalen Zerstörung der 500 Jahre alten Joseon-Dynastie durch die japanischen Besatzer erklärt. Sie hatten das Land von 1910 bis 1945 brutal unterjocht.

Han treibt auch in aufblühenden Liebesbeziehungen der K-Dramen sein Unwesen in Form sozialer Scham, wenn etwa die Hauptfigur einer Familie mit einem Makel wie der Armut entstammt oder wenn sie für ihren Ehrgeiz, in der Arbeitswelt voranzukommen, oder ihren Wunsch nach sozialer Mobilität lächerlich gemacht wird. Ich finde mich mit meiner eigenen Familiengeschichte, in der es Migration und Schicksalsschläge gab, in dieser sozialen Form der Scham wieder. Ich würde gar sagen, dass meine Selbstwehr wie in vielen K-Dramen darin bestand, mich mit meiner Herkunft zu beschäftigen und Eliten zu verabscheuen.

Euny Hong beschäftigt sich mit weiteren Faktoren, die zur internationalen Beliebtheit von K-Popkultur geführt haben. Sie beleuchtet die Rolle der Regierung bei der Förderung der koreanischen Creative Economy und wie diese Regierung zur weltweiten Verbreitung der Produkte beigetragen hat. Als das Buch 2014 herauskommt, klingt das so, als sei die Regierung die alleinige Treiberin der K-Popkultur gewesen. Auch in Korea war es wie bei Englands Margaret Thatcher eine Frau, Präsidentin Park Geun-hye, die auf die Creative Economy als Wirtschaftsfaktor setzte. Die Industrie sei dem Ruf der Präsidentin gefolgt. Hong distanziert sich rund zehn Jahre später von diesem kausalen Zusammenhang in einem Artikel in der New York Times. Man hat sie offenbar dafür angegriffen, dass sich in ihrer Interpretation des Aufstiegs des K-Pops die Autorinnen und Produzenten, die eigentlichen Akteure der Kreativindustrie, in der Rolle der Marionetten wiederfinden.

Dennoch ist ihre Recherche für eine Westlerin interessant. Hong beschreibt die südkoreanische Kreativwirtschaft etwa als eine, die weniger auf das Individuum fixiert als die USA. In Südkorea werden junge Talente für bis zu 13 Jahre lang unter Vertrag genommen und ausgebildet, bis sie im richtigen Mix in einer der zahlreichen Boy- und Girl-Bands zu Teams geformt werden. Hong beleuchtet auch die einzigartigen Merkmale der K-Dramen, wie zum Beispiel die emotionale Intensität, die gut entwickelten Charaktere oder die fesselnden Handlungsstränge. Und sie diskutiert die Auswirkungen von K-Dramen auf die koreanische Gesellschaft und wie sie das Bild von Korea im Ausland geprägt haben.

Hong hat ausserdem ein Buch mit dem Titel Nunchi geschrieben, das hilft, koreanische Umgangsformen besser zu verstehen. Nunchi ist die Fähigkeit von Koreanerinnen und Koreanern, Situationen und Menschen wie etwa die eigene Arbeitsumgebung inklusive Chef intuitiv richtig einzuschätzen und damit die eigene Position zu festigen. Diese Fähigkeit ist bei Einzelnen mehr oder minder entwickelt. Die Helden und Heldinnen von K-Dramen aber verfügen über ein hohes Mass an nunchi, wie ich oben schon beschrieben habe. Dieses Konzept erklärt gut, weshalb sich koreanische Menschen oft etwas seltsam verhalten. Die von Hong beschriebenen Prinzipien von nunchi beinhalten etwa: Lernen Sie zu beobachten. Beobachten Sie, um Informationen zu erhalten. Verpassen Sie niemals die Gelegenheit, den Mund zu halten. Halten Sie sich an die Regeln. Oder: Seien Sie flink und schnell. (Wenn man herausgefunden hat, was zu persönlichem Erfolg verhilft.) Der Westen hat das Konzept der emotionalen Intelligenz zu bieten, das jedoch nicht ganz deckungsgleich mit nunchi ist.

Die Kunst des Liebens ist die richtigen Worte zu finden

„Wie lernten wir uns kennen? Eines Tages flog ein Schmetterling wie ein Blütenblatt und flatterte umher. Wie kamen wir bis hierher? Die Ecke der Strasse, wo wir uns an einem Frühlingstag unsere Liebe gestanden. Es war ein Wunder. Wir hielten Händchen, als wir die Strasse entlang gingen. Der Löwenzahn unter dem Telefonmast schwankte hell. Wie schafften wir es so weit? Entstand unsere Liebe, weil wir so schöne Momente durchschritten? Ich bin der Ansicht, dass es keinen Zufall in der Liebe gibt. Ich glaube, dass das Universum selbst die kleinsten Dinge berechnet, wie den Flügelschlag eines Schmetterlings, damit sich zwei verlieben. Ein unvermeidliches Wunder. Ich wollte wohl nicht glauben, dass wir uns zufällig trafen. Das Einzige, was ich tun kann, ist mein Bestes zu geben. − Im Moment durchschreite ich Deine Liebe.“ Aus: Ein Wort, mächtiger als die Liebe (Autor nicht bekannt)

Das K-Drama The Bride of Habaek beginnt mit viel Situationskomik. Um den Thron des Göttlichen Reiches zu besteigen, muss der Gott des Wassers Habaek die Menschenwelt besuchen und drei heilige Steine finden, die dort von drei Wächtern behütet werden. Da Habaek beim Fall vom Himmel seine göttlichen Kräfte verloren zu haben scheint und auch noch nackt wie ein Baby auf der Erde ankommt, ist er auf Hilfe angewiesen. Diese soll ihm Yoon So-ah bieten, eine Psychiaterin, die ihre eigene Praxis betreibt und mit finanziellen Problemen und Schulden zu kämpfen hat. Sie weiss nicht, dass sie die letzte Nachfahrin einer Familie ist, die sich vor vielen Generationen den Göttern zum Dienst verpflichtet hat. Habaek ist für die Psychiaterin nur ein weiterer nut case, der sich als Gott ausgibt. Erst später beginnt So-ah jedoch wegen gelegentlicher Beweise an Habaeks Göttlichkeit zu glauben.

Der 2800 Jahre alte Wassergott muss sich an die Absurditäten einer modernen Gesellschaft gewöhnen wie etwa an gigantische Werbeflächen mit ebenso monströs-grossen Köpfen darauf oder die Kommunikation mit Handys. Er macht sich über die verdrehten Werte der materiellen Welt lustig, wobei auch er nicht ganz gegen den Charme schöner Autos oder elaborierter Hemden der südkoreanischen Modeindustrie gefeit ist. Doch der Kontakt des Gottes mit den Menschen öffnet ihm auch die Augen für die conditio humana: Erdlingen erscheine das Leben als kurz, was sie so nervös mache, als hielten sie einen heissen Stein in Händen. Es wird hinlänglich klar, dass Menschen und Götter nicht gut aufeinander zu sprechen sind. Mehr noch, die Beziehung zwischen Göttern und Menschen ist so sehr in Unordnung geraten, dass die Götter Gefahr laufen, von der Oberfläche der Welt zu verschwinden, weil die Menschen nicht mehr an sie glauben.

Einige können sich vielleicht noch an das Buch Der Papalagi von Erich Scheurmann erinnern. Ein Südsee-insulaner kommt nach Europa und stösst dabei auf alle möglichen kulturellen Unterschiede zwischen seiner und der westlichen Welt. Zu Beginn der 80er-Jahre wurde das Buch als authentische Erfahrung des Papalagi gelesen, erst später wurde deutlich, dass es sich um eine Fiktion des Deutschen Schriftstellers handelt. Der Kontrast zwischen den Welten war jedoch äusserst amüsant. Genauso in The Bride of Habaek. Während Habaek erst einmal das Konzept von Geld verstehen muss, wünscht sich So-ah mehr davon, Weekends in New York oder andere schicke Produkte.

Nicht ozeanische Gefühle und Sehnsüchte sind der Kern der erblühenden Liebe, sondern das Ausräumen der vielen Missverständnisse zwischen den beiden und die häuslichen Routinen, die das ungleiche Paar entwickelt. Sie sind das Vehikel des Beziehungsaufbaus und letztlich die tägliche Praxis des Liebens. Habaek wartet jeden Abend vor der Haustüre auf So-ah und schimpft sie aus, wenn sie zu spät kommt. Es wird gemeinsam geputzt, das Haus in Stand gestellt, gekocht und gegessen.

Im K-Drama The Bride of Habaek geht es um die Transformation der Überheblichkeit des Wassergottes hin zu bedingungsloser Liebe und den Selbstzweifel der Psychiaterin hin zu mehr Selbstliebe. Die Gefühle zwischen Gott und Sterblicher können gar erst vollständig erblühen, als So-ah ihre verdrängte Vatergeschichte angenommen und Habaek erkannt hat, dass er eigentlich auf die Erde gekommen ist, um in der Liebe seine Menschlichkeit zu finden.

Die Geschichte eines Gottes zu erzählen, der vom Olymp heruntersteigt, um Lampen zu reparieren, spielt mit der Fallhöhe seiner monumentalen Aufgabe auf Erden und den Wonnen des häuslichen Alltags, den er mit seiner sterblichen Geliebten entwickelt. Habaek muss auch Begriffe und eine Sprache finden, die seine (Liebes-)Erfahrung zu fassen vermögen. Er leiht sich dafür zunächst die Worte eines Schriftstellers aus – siehe das oben erwähnte Zitat –, die er seiner Angebeteten vorliest, während diese ganz prosaisch die Wäsche auf dem Balkon aufhängt. So etwas Grosses wie die Liebe kommt auf den Schwingen der Poesie, auf den Flügeln von Schmetterlingen daher oder wächst wie eine zarte Blume am Wegrand unter einer Strassenlaterne.

Ausgerechnet dieses K-Drama hat mich auf die Idee gebracht, Erich Fromm nochmals zu lesen. Irgendwo war erwähnt worden, dass Die Kunst des Liebens in dieser Serie zitiert werde. Ich habe überall danach gesucht, doch obwohl in südkoreanischen Serien Verweise auf Gedichte oder die (Welt-)Literatur häufig vorkommen, konnte ich die Stelle nicht finden. Dennoch scheint Fromm eine Art Leitfaden für die Entwicklung der Hauptfiguren beigesteuert zu haben.

Die Kunst des Liebens ist keine Technik, sondern eine Praxis

Rainy Day

As when cloud meets cloud
with a thunderous crash,
so too would I meet you
and cry out, unthinking.

As when cloud collides with cloud
and all the sky lights up at once,
I hope that when I collide with you,
I will see again the path I lost.

The rain’s song sweeps high, then low—
I cannot hope to sing along.
But you are dazzling bright
as you tell me what it means:

„The rain must meet the rain
for either to get wet.”

Ma Jonggi (oder Mah Chonggi, n.d.), übersetzt von David Bowles, 2022. Vorgelesen im K-Drama Forecasting Love & Weather (2022)

Der deutsche Sozialpsychologe und Psychoanalytiker Erich Fromm ist eine verlässliche Instanz, wenn es um die Liebe geht. Der Titel seines Buchs von 1956 Die Kunst des Liebens lehnt sich vielleicht an Ovids Ars amatoria an. Damit sind die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Geistesgrössen aber auch schon vorbei.

Der römische Autor hat in der Antike, genauer zu Kaiser Augustus’ Lebzeiten, recht schlüpfrige Tipps zur Kunst der Verführung geschrieben. Ich kann mich an folgendes Beispiel erinnern: Mann setze sich im Kolosseum auf den zweiten Sitz in der Reihe neben eine Frau auf dem ersten Sitz. Das ermöglicht es dem Mann, den Körperabstand zum Opfer nach und nach zu verringern. Die Frau wird irgendwann einmal nicht mehr ausweichen können, will sie nicht vom Sitzplatz fallen. Die Verwechslung der Kunst des Liebens mit der Kunst der Verführung zieht sich wie ein roter Faden durch die westliche Literatur (Casanova, Les liaisons dangereuses, usw.). Vereinfacht gesagt, besteht diese Vorstellung aus einer Reihe von Taschenspielertricks nach dem Motto von «in der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt».

Ganz anders bei Erich Fromm, der sein Buch in eine Theorie und eine Praxis unterteilt. In der Theorie argumentiert er, dass geliebte Menschen oder die Liebe oft dafür herhalten müssen, ein existenzielles Problem zu lösen. Wir alle haben ein Loch in unserer Seele. Kulturgeschichtlich geht die Entstehung dieses «Lochs» oder dieses Gefühls von Einsamkeit auf Adam und Eva zurück, auf den Verlust des Einsseins mit sich und Gott und die Vertreibung aus dem Paradies. Der Psychoanalytiker Fromm beschreibt ausserdem die landläufige Auffassung von Liebe als die so verzweifelte wie unfruchtbare Suche nach einem Menschen, der dieses Gefühl der Einsamkeit ein für alle Mal kompensiert.

Aus der Theorie folgert Fromm für die Praxis, dass nur diejenigen kunstvoll lieben können, die sich zuerst selbst so annehmen, wie sie sind. Erst dann sind sie fähig und bereit zu geben und nicht nur zu nehmen. Liebe kommt also nicht mit einem Koffer gefüllt mit Tricks, sondern ist eine Form des Seins. Diese Erkenntnis hat sich schon vor einer Weile durchgesetzt, aber im Einzelfall muss sie dennoch verstanden und umgesetzt werden. Wer in sich ruht, wird auch wegstecken können, dass Liebende schon mal wie Schlechtwetterwolken zusammenstossen und dass eine Liebe nur reifen kann, wenn der Regen des einen den Regen des andern durchtränkt.

Die Leistungen von Erich Fromms Buch sind für mich jedoch weniger seine theoretischen Konzepte, als dass er in seinem Buch Kapitalismuskritik betreibt. Die schöne neue Warenwelt, die ab den 60er-Jahren mit einem nie gewesenen Konsumismus ihren Anfang nahm, verwandelte nicht nur Haushalte durch Kühlschränke, Dampfbügeleisen oder Fernsehern. Menschen begannen auch, die Logik des Konsums auf ihre Liebesbeziehungen zu übertragen. Letztere mutierten zum Warenumschlagplatz: Du gibst mir die gesellschaftliche Position durch deinen beruflichen Erfolg, ich führe dir dafür den Haushalt. Es gab die Nutz-Ehe schon viele Jahrhunderte zuvor. Aber mit dem Kapitalismus ist der äussere Nutzen gleichsam ins Herz der Liebe vorgedrungen.

Die starren Rollen der 60er-Jahre mögen sich mittlerweile aufgelöst haben, aber im Einzelnen gibt es sie noch immer wie den Bodensatz in einem alten Weinfass. Wer könnte übersehen, dass ein Liebesleben auch die Form einer Parade von Bachelor und Bacheloretten annehmen kann. Oder dass die sozialen Medien heute nicht nur Desinformation, sondern auch einen unerträglichen Narzissmus befördern. Schöner Lieben folgt auf direktem Weg auf Schöner Wohnen, Schöner Urlaub machen und Schöner Essen, bildreich dargestellt auf Instagram oder Facebook.

Wir erleben zwar gerade einen gesellschaftlichen Umbruch durch die zunehmende Toleranz gegenüber der Vielfalt der Geschlechter und den damit verbundenen Rollen. Dies aber bei gleichzeitiger Verflachung unserer Lebenswelten und Identitäten durch die Gleichmacherei in den sozialen Medien. Diese wird nicht nur sozial, sondern technologisch vorangetrieben. Die Algorithmen der sozialen Medien und der Suchmaschinen liefern uns, was wir sehen wollen. Sie präsentieren uns, was wir bereits kennen, und mit jedem Mausklick werden wir dadurch gleicher anstatt individueller. Die Künstliche Intelligenz wird uns noch mehr mit artifiziellen Identitäten, Stilen und Geschmäckern versorgen. Da können in der Liebe keine Wolkentürme von unterschiedlichen Temperamenten und Temperaturen aufeinanderprallen. Da donnert und blitzt es nicht einmal mehr.

Auch wenn die südkoreanische Gesellschaft in den letzten 30 Jahren einen kometenhaften wirtschaftlichen Aufstieg gemacht hat, scheint ein Teil ihrer Kultur über ein Antigen gegen die Zerrüttung der Liebe und Romantik zu verfügen, die im Westen schon längst epidemische Ausmasse angenommen hat. Das mag daran liegen, dass gesellschaftliche Gegensätze noch frisch im Gedächtnis vieler Koreaner und Koreanerinnen sind. Sodass sich ein Psy, der übrigens selbst der Oberschicht entstammt, genüsslich über die nouveaux riches lustig machen kann. Mit anderen Worten, die kreative Köpfe dort reflektieren offenbar noch den Unterschied zwischen (einst) arm und reich, zwischen echt und verwässert, zwischen anders und gleich. Vielleicht auch zwischen einer Liebe, die aus dem Innersten der Seele kommt, und einer, die von aussen betrachtet schön aussieht.

Die Kunst des Liebens ist die Natur zu verstehen

 

The Physics of Love

Mass is not proportional to volume.

That girl as small as a violet,

that girl who floats like a petal

pulls me toward her

with a force
greater than the Earth’s mass.

In an instant,

like Newton’s apple,

I dropped with a thump

and rolled to her

without stopping.

Thump.

Thump.

My dizzy heart kept swinging

between Heaven and Earth—

it was my first love.

Gedicht von Kim In-yook (1963) in: Guardian: The Great and Lonely God (kurz: Goblin) (2016), übersetzt von David Bowles (2021)

K-Dramen kommen in einer breiten Palette von Genres. Neben Romanzen oder Historiendramen haben Koreanerinnen und Koreaner offenbar eine ausgeprägte Vorliebe für Fantasy. Doch südkoreanische Fantasy-Serien werden von anderen übernatürlichen Wesen bevölkert als jene im Westen: zum Beispiel von dokkaebis, Kobolden oder Zauberern, die in den Bergen leben, Schamaninnen, neunschwänzigen Teufeln oder Sensenmännern und -frauen. Neben der Andersartigkeit, wie sich Liebende über den Weg stolpern, umkreisen und finden und wie Liebe in K-Dramen (vor-)gelebt wird, hat mich die Welt dieser Fabelwesen bzw. die Nähe zum Übernatürlichen besonders fasziniert.

Bei uns passiert es auch eher selten, dass ein Gedicht so viel Begeisterung wie das oben erwähnte aus einer Anthologie von 1963 auslöst. The Physics of Love wurde nach Ausstrahlung der Serie neu aufgelegt. Das K-Drama, das ich hier kurz Goblin, Kobold, nenne, hat dies geschafft. Kim In-Yooks zeitloses Gedicht bringt die Anziehungskraft der ersten Liebe, wohlgemerkt eines 939-Jahre alten Kobolds zu einem sterblichen Mädchen, mit einer wundervollen Mischung aus Naturmetaphern und Verweisen auf Naturgesetze auf den Punkt. Da hilft natürlich auch, dass Goblin eine der beliebtesten Serien Südkoreas ist.

Die Hauptfigur Kim Shin ist dazu verdammt, als unsterblicher Wächtergott der Menschen zu leben. Er wurde in einem früheren Leben als hoch dekorierter General der Goryeo Dynastie Opfer einer politischen Intrige und im Niemandsland verscharrt. Bis ein Schmetterling an seinem Grab auftaucht, Gott ihn wieder auferstehen lässt und er als dokkaebi wiedergeboren wird. In einer späteren Folge wird ihn ein Sensemann fragen: «Hast Du Gott schon mal gesehen?» Und er wird antworten: «Ja, ich glaube, er ist ein Schmetterling.»

Kim Shin ist todmüde von seiner langen Existenz als Unsterblicher unter Sterblichen. Ihm wurde prophezeit, dass er die Erde erst verlassen dürfe, wenn seine Braut ihn von einem unsichtbaren Schwert befreie, das seit dem Verrat vor fast 1000 Jahren in seiner Brust steckt. Nur sie kann dieses Schwert herausziehen. Als Kim Shin bei der Lektüre von Kim In-Yooks Gedicht realisiert, dass er sich in seine Braut verliebt hat, ist er nicht mehr so sicher, ob er sterben will. Das Mädchen seinerseits hat wenig Lust, den Mann zu töten, den sie heiraten möchte. Diese Ausgangslage gibt dem ungleichen Paar gleich zwei unlösbare Problem auf, ein idealer Stoff, um daraus eine dramatische Liebesgeschichte zu stricken, weil die Nähe zum jeweils andern gleichbedeutend mit Todesgefahr oder Schmerz ist. Es ist kompliziert und chaotisch und herzzerreissend, aber die Fähigkeit, Problemlösungen zu finden, ist auch in dieser Serie intakt.

Ein besonderer Genuss sind die Liedtexte oder die Dialoge zwischen dem Goblin und der weiblichen Hauptfigur, einer Jugendlichen, die noch zur Schule geht. Diese Serie nutzt die Schönheit der Natur und ihre Veränderungen im Laufe der Jahreszeiten, um die Stimmung und die Entwicklung der Beziehung zwischen den Charakteren, die Romantik und ihre Sehnsucht zu veranschaulichen. Die Natur wird so als Spiegelbild der Emotionen und inneren Zustände der Charaktere verwendet, und sie dient als Metapher für Freiheit, Erneuerung, Harmonie oder Konflikte. Goblin liefert mir den Beweis für die eingangs erwähnte Hypothese: Eine Sprache für die Liebe ist eine Sprache der Natur. Ein Mädchen, das wie ein Blütenblatt zu Boden segelt, das eine Macht entfesselt so stark wie die Erdanziehungskraft … das sind Sprachbilder, die mir wie von einem Trampolin ins Herz springen. Die Naturbezüge wirken ausserdem wie eine Einladung, die Schönheit der natürlichen Umgebung wahrzunehmen und vielleicht sogar die Zuschauer einzuladen, die Natur zu schätzen und zu schützen.

Diese Treffsicherheit im Erfinden von Geschichten und deren Verpackung in Bilder und Sprache scheint mir eine der „Kernkompetenzen“ südkoreanischer Drehbuchautoren und -autorinnen zu sein, die sich aus ihrem kulturellen Erbe speist. Ich möchte deshalb den gewagten Sprung zurück in die kulturell-philosophisch-spirituelle Vergangenheit Koreas wagen und mich im kommenden Kapitel mit dem Taoismus und Schamanismus beschäftigen. Der Taoismus kam aus China nach Korea, wurde im Goguryeo-Königreich 643 zur Staatsreligion und verband über die Jahrhunderte Elemente koreanischer Folklore, des Schamanismus und Buddhismus zu einer eigenständigen Mischung. Selbst als der Neokonfuzianismus während der Joseon-Dynastie (1392-1910) in Korea Einzug hielt und zu dominieren begann, verlor der Taoismus nicht an Bedeutung.

Der kulturelle Schatz, der von K-Dramen gehoben wird

At late spring with red peach blossoms and blue willow leaves,

Dew on pine needles are pearls of a blue needle thread.

Kim Siseup (15. Jh.) in: Wunder in Korea des Historikers Hong Manjong (1643-1725), übersetzt ins Englische von Dal-Yong Kim (2011)

Der zu Beginn des 15. Jahrhunderts geborene Kim Siseup war, was man heute einen Hochbegabten nennen würde. Er war ein Sprachtalent und später in seinem Leben ein Buddhist mit übernatürlichen Kräften. Mit acht Monaten konnte er lesen und mit drei Jahren schrieb er das oben genannte Haiku-artige Gedicht.

Der Historiker Hong Manjong (1643-1725) hat 38 ähnliche Geschichten mittels historischer Recherche von Dokumenten und anderer Beweise für seinen Band Wunder in Korea gesammelt. 2011 hat der Koreaner Dal-Yong Kim das Buch ins Englische übersetzt und für den Westen zugänglich gemacht. Viele der in Miracles in Korea dokumentierten Personen, für die es historische Belege gibt, waren Autoren oder Dichter und haben zuordenbare Texte hinterlassen.

Es sind aber auch Magier in den Bergen Koreas, taoistische Einsiedler, die oft radikale und recht schrullige Lebensweisen verfolgt haben. Sie haben gefastet, spezielle Diäten aus Tannennadeln und Heu eingehalten, ihre Körper und ihren Geist mit Atem- und Körperübungen gestählt. All dies, um hinter das Geheimnis eines ewigen Lebens zu kommen, übersinnliche Kräfte zu entwickeln, in den Himmel aufzusteigen und ein unsterblicher Taoist zu werden. Viele sind gescheitert, andere lernten zu fliegen oder wurden weit über hundert Jahre alt, wie einzelne der Dokumente aus Wunder in Korea nahelegen.

Hier nochmals zu Kim Siseup: Der Premier Minister Heo Jo (1369-1439) soll das Sprachgenie gebeten haben, ein Gedicht mit dem Wort „alt“ für ihn zu schreiben, und dies war das Resultat: «An aged tree blossoms and is not old in spirit». («Auch ein bejahrter Baum blüht und ist nicht alt im Geiste», Übersetzung Autorin)

Siseup wurde glücklicherweise wegen seines Sprachtalents nicht in die Dienste des Königs abgeordnet, sondern führte ein Leben als Eremit und kehrte erst nach langen Jahren zu einem weltlichen Leben zurück. In seiner Zeit als Einsiedler bereitete er bei Hochwasser schnell seine Schreibutensilien und hundert kleine Papierstücke vor und setzte sich an eine Stelle mit möglichst viel Wildwasser. In Meditation und in Selbstgesprächen versunken schrieb er in schneller Abfolge hundert Gedichte und überantwortete diese den Fluten. Als Beweis dafür, dass er vermutlich Heiligkeit erlangt hat, wird die Tatsache erwähnt, dass sein Körper auch nach jahrelangem Aufenthalt in seiner letzten Ruhestatt jugendlich aussah.

Die Taoisten, oder in diesem spezifischen Fall ein Buddhist, schöpften aus der Schönheit und Zartheit der Natur Gedichte, leiteten aus ihren Naturbeobachtungen aber auch Gesetzmässigkeiten und tiefere philosophische Einsichten für das Leben ab. Dal-Yong Kim, der Übersetzer von Wunder in Korea, schreibt in seiner Einführung, dass die Magier, Einsiedler und unsterblichen Taoisten mit ihren Werken die kreative Kraft der Natur einzufangen versuchten. Sie alle waren auf der Suche nach der Essenz des Lebens oder des Göttlichen in der Natur.

Wäre ich heute eine Schriftstellerin oder Drehbuchautorin in Südkorea, ich könnte dieser reichen Tradition an Mythen, Geschichten oder spirituellen Lehren nicht widerstehen. Eine der gelungensten Fantasy-Serien der letzten Jahre aus Südkorea war übrigens Alchemy of Souls (2022 und 2023). Darin wimmelt es nur so von Zauberern, guten wie schlechten, geheimnisvollen wie keuschen Einsiedlern oder Schamaninnen. Wie in Hogwarts, aber mit Schwertern anstatt Eulen, messen sich die jungen Magier in dieser Serie in einer streng organisierten Zauberschule, lernen ihre übernatürlichen Kräfte zu beherrschen – und nebenher auch die Kunst des Liebens.

Taoismus, die Philosophie für den Anthropozän

Man kann ohne Gefahr sagen, dass der Taoismus auf alten animistischen oder schamanischen Traditionen, Mythen und Märchen beruht, wie sie in China, Korea oder Japan reichlich vorhanden waren und trotz der herrschenden Staatsphilosophie des Konfuzianismus vom einfachen Volk weitergereicht wurden. Benjamin Hoff, der amerikanische Übersetzer eines zeitgenössischen Tao Te Ching, des wichtigsten Textes des Taoismus des Geheimnis-umwobenen Autors Laotse, hat sich in jahrelanger Arbeit über eine Zeichenschrift gebeugt, die noch vor den chinesischen Schriftzeichen existierte. Er hat die Patina von diesem Text weggekratzt, bestehend aus falschen Übersetzungen des Originals in chinesische Schriftzeichen, aus fehlerhaften Kopien oder gar aus eigenmächtigen Ergänzungen späterer Gelehrter.

Wie ich Hoffs The eternal Tao Te Ching. The philosophical masterwork of Taoism and its relevance today, seine Übersetzungen und Notizen zu jedem einzelnen Absatz lese, bin ich begeistert. Denn das Tao Te Ching hat den Menschen im Anthropozän viel zu bieten: Es erklärt, wie aus dem Nichts und einem für uns unbegreifbaren Ursprung durch die Interaktion des Himmels mit der Erde die Tausend Dinge entstehen, die manifeste Welt der Natur.

Laotse und andere Gelehrte zogen Kontemplation, Meditation und wohl auch Körperübungen wie das Tai-Chi heran, um die Naturgesetze zu verstehen, die unsere Wirklichkeit materiell wie immateriell erschaffen. Mehr noch, die Natur war für sie eine Lehrerin. Von ihr lernten sie Prinzipien für eine friedliche und harmonische Lebensführung in Übereinstimmung mit dem Tao, dem Weg. Die Philosophie, die erst später auch als Religion praktiziert wurde, war ein Mittel, um die Komplexität des weltlichen wie auch des spirituellen Lebens zu ordnen und zu verstehen. So hält der Taoismus Lehren und Prinzipien für jeden Einzelnen wie auch für Regierende bereit, für das Management von Gemeinschaften genauso wie des Militärs.

Ein Beispiel für ein solches Prinzip ist das Wuwei, das Nichteingreifen. Die beste Veranschaulichung für dieses Prinzip ist ein Fluss. Laotse rät den Herrschenden im Absatz Rulers of the hundred valleys, sich wie ein Fluss zu verhalten, sich stets am tiefsten Punkt in einem Tal wie an den Geringsten in der untersten Schicht der Gesellschaft zu orientieren.

Ruler of the hundred valleys

The wide rivers and expansive lakes

Are able to be rulers of the hundred valleys

Because they are good at positioning themselves

In the lowest places.

That is what enables them to rule.

So those who want to rule the people

Must with their words be below them.

Those who want to lead the people

Must place themselves behind. (…)

Aus: Benjamin Hoff (2021): The Eternal Tao Te Ching. The Philosophical Masterwork of Taoism and its Relevance Today

Herrschende sollen mit Yin, der weiblichen, passiven Kraft des Flusses regieren und nicht mit Yang, der männlichen dominanten. So gesehen ist das Tao Te Ching auch ein politisches Buch, das in subversiver Weise die damals gängigen Konzepte des Konfuzianismus in Frage stellte. Letzterer war viele Jahrhunderte in China staatstragend. In ihm wurden Rollen, Hierarchien, Rechte und Pflichten sowohl für Familienangehörige wie für Beamte in der politischen Administration definiert. Dieses strenge Regelwerk könnte nicht weiter entfernt sein von den Zauberern und sonstigen Individualisten, wie sie der Taoismus hervorbrachte.

Dass der Taoismus sich so direkt auf die Natur bezieht und sie gleichsam als Begründung für Prinzipien menschlichen Handelns herbeizieht, macht diese Philosophie heute zu einer Verbündeten, um nicht zu sagen zu einer Grundlage für aktuelle Ökophilosophien. Wer im Westen den Klimanotstand nicht nur als einen Anstieg der Temperaturen und der Extremwetter versteht, sondern als Kritik an einer Denkweise, die über Jahrhunderte den Raubbau an der Natur legitimierte, der wird der Diagnose zustimmen, dass in unseren Energie-, Nahrungs- oder Banken-Systemen zu viel Yang am Werk ist. Lobbyisten und Politikerinnen haben sich einer natürlichen Ordnung entfremdet. Und damit meine ich nicht des Bildes einer romantisierten, herzigen Natur, sondern von der wissenschaftlichen Tatsache, dass man die Natur nicht mit Giften traktieren kann, ohne damit unsere Lebensgrundlagen zu schädigen[1].

Nochmals ein Wort zu Erich Fromm: Er hat sich in einem wesentlichen Punkt geirrt. In die Kunst des Liebens beschäftigt er sich auch mit der Liebe zu Gott. In einem grossen Bogen entwirft er eine Evolutionsgeschichte der Weltreligionen und deren Epochen, die heute so nicht mehr stimmig ist. Denn Fromm beschreibt die Unterschiede zwischen den Religionen in Form einer hierarchischen Abfolge. Er zeichnet das Bild eines Aufstiegs vom primitiven Menschen und seiner Schamanen, der dumm und zitternd vor den Naturgewalten auf den Knien lag, zu den elaborierten asiatischen Philosophien des Buddhismus oder Taoismus.

Er übersieht dabei, dass sich beide Philosophien aus animistischen und schamanischen Wurzeln entwickelt haben und diese transzendieren. Ausserdem wäre in seiner hierarchisierenden Abfolge das Christentum schamanischen Traditionen übergeordnet, obwohl in dessen Namen unsägliche Gräueltaten verübt wurden, nicht nur an den Völkern anderer Kontinente, sondern auch an der Natur. Gewisse Maximen des Christentums wie das «Mach’ Dir die Erde untertan» durchdringen immer noch das Denken mächtiger und gieriger Akteure. Da liest sich das Tao Te Ching wie ein erfrischender Bergquell – womit ich nicht in Abrede stellen will, dass asiatische Länder die Natur ebenfalls wie westliche ausgebeutet und drangsaliert haben. Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass es keinen Wandel ohne ein planetarisches Bewusstsein geben kann. 

Die Sprache der Liebe ist eine Sprache der Natur

Im Moment ist Südkorea das pulsierende Herz der internationalen Creative Economy. Es ist jung und noch nicht so arteriosklerotisch wie die Herzen anderswo. Ein wiederkehrendes Motiv, das ich so nur in südkoreanischen K-Dramen gesehen habe, sind Ärztinnen und Ärzte, die rittlings auf einem rollenden Bett auf ihren Patienten und Patientinnen sitzend durch die Spitalgänge Richtung Operationssaal rasen, während dessen sie mit Inbrunst Herzmassagen verabreichen. Nur selten verlieren sie die Todgeweihten und sie wischen sich – wenn auf den Kontrollmonitoren wieder schön grüne Kurven erscheinen – befriedigt den Schweiss von der Stirn.

Aber seien wir ehrlich: Auch dieses Show Biz beutet seine Schätze gnadenlos aus. Südkorea ist mit einer nicht überschaubaren Armee von Geschichtenerzählern, Musikerinnen, Tänzern und Schauspielerinnen ausgestattet, die nicht davor zurückschrecken, mit pochenden Herzen, viel Romantik, Schmalz und Klugheit die Welt zu erobern – und zu endlosem Kitsch beizutragen. Es drängt sich mir das Bild einer grossen Menge von virtuosen Zuckerbäckerinnen auf. Aber wer mag nicht Süsses.

Dass ausgerechnet ein Land, dass vierzig Eroberungen über sich ergehen lassen musste, nun mit einer hallyu, einer Welle aus Frische, Jugendlichkeit, Verrücktheit und reizenden Klischees die Welt überrollt, hätte bis vor Kurzem niemand geahnt. Wie schon gesagt, schöpft Südkorea aus einem immer noch gut zugänglichen kulturellen Erbe, in dem sich glorreiche wie leidvolle Geschichte verschiedener Kaiserreiche und ihrer Untertanen, Lehren des Schamanismus, Taoismus, Konfuzianismus und Buddhismus vermischen mit der Schmach, sich nur mühselig von einer Drittwelt-Ökonomie zu einer Wirtschaftsmacht gemausert zu haben. Noch Ende der 90er-Jahre hat der Internationale Währungsfonds IWF Südkorea gedrängt, sich seiner Vetternwirtschaft zu entledigen und stürzte die koreanische Wirtschaft damit in eine tiefe Krise. Gedemütigt zog sich das Land am eigenen Schopf aus dem Sumpf – unter anderem mit Hilfe des Golds der Eheringe seiner Bürger und Bürgerinnen.

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Rede ich einen künstlichen Zusammenhang zwischen meiner K-Drama-Obsession und möglichen Strategien gegen den Klimawandel herbei? Vielleicht. Aber über meine Hypothese nachzudenken, lohnt sich zumindest: Eine Sprache für die Liebe als eine Sprache der Natur ist ein Mittel, um jenes Bewusstsein zu verändern, das uns an den Abgrund der Klimakrise geführt hat. Ich frage mich also, ob die Verbindung von Naturerfahrung mit einer Sprache für die Liebe nicht mehr bewirken kann als die aktuelle Weltuntergangsstimmung und andere Ausreden. Ich wage diesem Gedanken Raum zu geben, weil ich auf der Suche nach Lösungen bin. Denn nichts und niemand kann heute die Tatsache leugnen, dass sich unser Planet schneller erwärmt, als für ihn und uns gut ist. Doch das soll uns die Freude an der Liebe zu Mensch und Natur nicht verderben.

Mit einer Sprache für die Liebe als Sprache der Natur werden wir lebendig, verstehen wir, dass in uns, in unseren Beziehungen die gleiche Kraft pulsiert wie in der Natur. Heute weiss ich, dass die Liebe nicht nur dort ist, wo ich sie gesucht habe. Sie hat sich nicht absichtlich versteckt, aber um sie zu verstehen, benötigte ich andere Wahrnehmungsinstrumente. Oder um es weniger technisch auszudrücken, die Liebe zeigt sich mir in den kleinen, alltäglichen Dingen. Selbst dort zeigt sie sich oft nur, wenn ich kurz innehalte. Wenn sie wie ein Vogel an mir vorbeiflattert oder wenn sie wie ein Herbstblatt, sich im Wind drehend und tanzend, zu Boden fällt. In diesen Momenten drücke ich gleichsam die Pause-Taste und verstehe, was ich schon immer wusste. Im Zentrum der Liebe ist es ruhig und sonnig. Ich lebe dort ohne grosse Ansprüche und Bedürfnisse, weil mein Hunger bereits gestillt ist. Ich benötige nicht mal Worte. Wenn ich dennoch sprechen wollte, würden mir die Worte leicht über die Lippen gehen. Die Sprache der Liebe ist die Sprache der Magie, ist die Sprache der Poesie, ist die Sprache der Natur.

[1] Wie sonst lässt sich erklären, dass der Ständerat 2023 den Gegenvorschlag des Bundesrats für die Biodiversitätsinitiative sang- und klanglos versenkt hat.

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Tiber in Rom
Der Tiber in Rom (C.Acklin)

Auf Augenhöhe mit dem Tiber. Von Claudia Acklin (Essay 2)

Der Rote Pfeil hat mich eben auf das Gleis im Bahnhof Roma Termini ausgespuckt. Ich stehe nach einem wohligen Dösen im Polster des Zugs unvermittelt in einer lärmigen Menschenmenge. Von hinten wird geschubst, vorne ist der Weg versperrt, weil sich jemand nach den Strapazen im Zug gleich eine Zigarette anzünden muss. Langsam saugt mich die Menge vorwärts durch verschiedene Hallen hindurch und schliesslich auf den Busparkplatz. Als ich endlich müde an meiner Station am Rande des Villaggio Olimpico ankomme, geht ein starker Regen nieder, der bald darauf in Hagel übergeht. Es scheint nicht aufhören zu wollen. Uffah, würden Italienerinnen sagen… Mit diesem stürmischen Anfang meiner langen und minutiös geplanten Romreise hatte ich nicht gerechnet. Später irre ich durch die Strassen des Quartiers, in dem Anfang der 60er-Jahre die Olympioniken wohnten, bis ich endlich mein B&B finde. Dort ist noch kein Ausruhen möglich, denn die Gastgeberin quatscht mich voll mit Bestimmungen und mit Erklärungen, weshalb weder der Fernseher noch der Storen funktioniert.

Meine paar Sachen sind schnell ausgepackt. Ich brauche dringend Luft, damit meine Seele mit meinem Körper aufholen kann. Ich spaziere durchs Dorf, durch die Via Argentina oder die Via Turchia oder die Via Olanda in Richtung Tiber. Nahe am Villaggio Olimpico muss der Ponte Milvio liegen, eine der ältesten Brücken von Rom. Und da steht sie auch – geschichtsträchtig auf groben Brückenpfeilern, unten aus antikem Travertin, oben über die Jahrhunderte mehrfach renoviert. Ich lehne mich über das steinerne Geländer und schaue auf den Tiber hinab. Der Fluss fliesst hier überraschend lebendig und verspielt dahin, Möwen sitzen auf kleinen Flussbänken und die Sonne wirft in der Abenddämmerung rötliche Strahlen auf die Wellen. Ich entspanne mich und lasse meinen Blick schweifen. Ich bin voller Vorfreude, als sich plötzlich jemand neben mich stellt, näher als es die Höflichkeit gebietet. Ich sehe zuerst ein paar alte nasse Lederschuhe, dann eine ebenso feuchte Hose, Jacke, Bart und tröpfelnde Haare.

Dieser alte Mann muss wohl in den Regen gekommen und, nicht wie ich, untergestanden sein. Aber ehrlich gesagt, ist alles an ihm so nass, als hätte er eben mit Kleidung geduscht. In der einen Hand hält er etwas Schilf, mit dem er sich wohl gegen den Regen zu schützen versuchte. Soll ich weiter wegrücken, frage ich mich? Ich entscheide mich dagegen, denn eben neu in der Stadt angekommen will ich nicht unhöflich wirken. Er schaut ruhig und voller Stolz über den Tiber und sagt: „Ohne mich würde es diese Stadt nicht geben.“ Überrascht schaue ich ihn nochmals von der Seite an und bemerke eine gewisse Blässe in seinem Gesicht und eine Kühle, die von ihm auszugehen scheint. Wenn das kein Lokalpatriot ist … Er bemerkt meinen skeptischen Gesichtsausdruck, lässt sich jedoch nicht davon beirren und doppelt nach: „Ich habe diese Stadt mit aufgebaut.“

Ich weiss nicht so recht weshalb, aber ich fühle ein starkes Ziehen in der Magengegend. Auch mein Herz beginnt schneller zu schlagen. Selbst als sich der seltsame alte Mann abwendet und langsam davonzieht, habe ich ein Gefühl, als hätte ich einen Geist gesehen. Entgegen jeglicher Logik beschäftige ich mich mit dem Unsinn den er eben erzählt hat. − Was war denn das? Wer war das? Und was genau wollte er mir mitteilen? – Doch dann bummle ich weiter und entdecke auf dieser historischen Brücke weiter vorne an einer eisernen Kette viele „locchetti d’amore“, Schlösser, die Liebespaare hier hinterlassen haben. Schliesslich ist Roma rückwärts buchstabiert Amor, die Stadt der Liebe. Das behaupten natürlich auch Paris oder London oder Amsterdam. Aber es tut gut, wieder in der Normalität angekommen zu sein. Ich ziele Richtung Pizzeria.

Offenbar hat mich der „barbone“ – der italienische Begriff für Obdachloser –, wie ich ihn am nächsten Morgen nenne, dann doch weiter beschäftigt. Er tauchte in der ersten Nacht im Villaggio Olimpico in meinem Traum auf. Wieder trieft er von Wasser, seine durchtränkten Schuhe scheinen beim Gehen zu gurgeln und seine Haut hat eine marmorne Ausstrahlung. In meinem Traum – oder wohl eher Albtraum – klingt es gehässig, wenn er sagt: „Ohne mich kein Rom.“ So, als wäre er frustriert darüber, dass ich ihm nicht glaube, und als hätte ihn mein mitleidiges Lächeln auf dem Ponte Milvio verletzt.

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Ich bin wegen eines Schreibprojekts nach Rom gekommen. Eine Kurzgeschichte oder ein kurzer Roman soll es werden. So genau weiss ich das noch nicht. Die Geschichte, die eben von einer Liebe, von Amor in Roma handeln soll, existiert bereits, aber es fehlen die Orte, das Licht, die Gerüche und die Geschmäcker dieser Stadt. Früh morgens mache ich mich frohgemut auf den Weg ins Zentrum, ausgerüstet mit Notizblock und Kamera und ohne klares Ziel. Mein Hochgefühl ist von kurzer Dauer, denn dieses Mal bin ich über die Unberechenbarkeit des öffentlichen Verkehrs irritiert. Ich nehme schliesslich entnervt den ersten Bus, der nach langer Wartezeit an der Haltestelle eintrifft. Kurzerhand steige ich einige Stationen später beim Castel Sant’Angelo wieder aus. Wieder Menschenmassen. Gefühlte Tausend (amerikanische) Touristen und Touristinnen drängeln am Fussgängerstreifen. So fühlt sich „overtourism“ an, wie man auf Englisch sagt, Massentourismus. Und dies im März, fast noch im Winter.

Vor dem Kastell sitzt auf dem steinernen Geländer, das das Zentrum der Stadt gegenüber dem Tiber abgrenzt, seelenruhig eine Möve und schaut dem Treiben zu. Sie weiss, dass sie „highly instagrammable“ ist und lässt Fotografen bis auf 30 cm Nähe heran. Auf mich wirken Position und Blick der Möve eher höhnisch, so als würde sie auf den alltäglichen Irrsinn dieser Leute herabblicken. Ich fliehe die steile Treppe zum Tiber hinunter und – bin schockiert. Das künstliche Flussbett. Hohe Mauern, wohl gute zwölf Meter hoch. Auf beiden Seiten des Tibers. Neben dem Fluss hat es gerade noch Platz für einen Spazier- und Fahrradweg und für viel Zivilisationsschutt, der sich im Gebüsch seiner Ufer verfängt. Der Fluss wird hier nicht nur gezähmt und diszipliniert. Mehr noch: Der Tiber wirkt unglücklich und herabgestuft. Aus dem Leben der Römer und Römerinnen verdrängt, ist er eine Nebensache.

Einen Tag später stehe ich während einer meiner Streifzüge auf der Kreuzung der Via Quirinale und Via delle Quattro Fontane, bei der in jeder Ecke ein Brunnen mit Skulptur steht. Mein Blick wird magnetisch von jener Nische angezogen, in der das Abbild eines bärtigen Mannes mit langem Haar zu sehen ist, der mit einem Füllhorn im Arm unter einem Feigenbaum liegt. Von Reben fliessen gleichsam Trauben auf ihn hinab. Im Hintergrund schaut die römische Wölfin aus der Skulptur. Es ist ein majestätisches Bild des Müssiggangs und der Fruchtbarkeit.

Mir stockt der Atem. Mit diesem Bart und langem Haar sieht er wie die jüngere Version meines „barbone“ aus. Doch in dieser Nische liegt ein Gott symbolisch am Ufer des Tibers. Sein Name ist Tiberinus, wie ich lese. Er ist nicht nur jünger als derjenige, den ich am Ponte Milvio und im Traum getroffen habe, er ist auch imposant. Hier tritt mir der Obdachlose nicht nur als eine poetische Allegorie für den Tiber entgegen. Er ist nicht nur gurgelndes Wasser aus nasser Kleidung, sondern ein Repräsentant des Tibers, sozusagen sein Kommunikationschef. Als die Skulptur entstand, wurde Tiberinus wohl noch in Ehren gehalten. Nun kann ich mir vorstellen, dass der alte Mann recht hatte mit seiner Frustration. Vielleicht hat Tiberinus wirklich mitgeholfen, eine Stadt und damit ein Imperium zu gründen.

Für Imperien und Nationen ist Geographie Schicksal. Der Fluss trägt Wasser in eine Stadt, was den Transport von Gütern ermöglicht und damit den schwungvollen Handel mit weit entfernten Gegenden dieser Welt. Ohne den Fluss gibt es weder Macht noch Wohlstand. Er bewässert die Felder der Bauern genauso wie die Gärten begüterter Patrizier, die im alten Rom ihren Reichtum mit Wasserspielen und Nymphäen vorführten. Doch dann erinnere ich mich an das Erlebnis am Castel Sant’Angelo und denke unvermittelt: „Tiberinus, du hast diese Stadt mit aufgebaut, aber was ist aus dir geworden?“ Ich wäre wohl auch beleidigt und verstehe: Tiberinus kämpft um seine Reputation.

Ich entscheide in diesem Moment, mich auf eine Spurensuche zu begeben. Ich will den Einfluss des Flussgottes auf die Gründungsgeschichte Roms verstehen. Dafür lassen sich sicherlich Belege finden. Doch die Behauptung von Tiberinus geht noch weiter: Er sei nicht nur Handlanger und Dienstleister, er ist der Meinung, dass er der Auslöser dieser Entwicklung sei, dass er im vollen Bewusstsein seiner Rolle die Geschichte Roms ins Rollen gebracht habe. Ob ich dazu je Aussagen werde machen können? – Ich weiss nicht, ich bin ja nicht Metaphysikerin von Beruf. Und ich will auch nicht wie eine Verrückte einen triefenden Flussgott im Schlepptau durch die Stadt ziehen. Doch ich will Neues wagen und die Perspektive wechseln. Ich will die Ewige Stadt aus der Sicht des Tibers erkunden. – Und unversehens habe ich das Gefühl, im Fluss und mehr als nur eine Touristin zu sein. Ich werde es fliessen lassen, mich traumwandlerisch fortbewegen, von Erfahrung zu Erlebnis und von dort ab und zu vielleicht auch zu Erkenntnis.