Alle meine Drachen.

AVom Glück und Unglück, ein Drache zu sein. Essay von Claudia Acklin (3)

1.

Ich bin keine Langläuferin und auch keine Joggerin. Wenn ich schwimmen gehe, dann nur für rund fünfzehn Minuten, Länge hin, Länge zurück. Aus Gründen der Vernunft sitze ich mehrmals in der Woche an den Maschinen im Fitnesszentrum, bin dabei aber ziemlich gelangweilt. Kurz: Sport ist nicht mein Ding.

Das heisst aber nicht, dass mich körperliche Aktivitäten oder Erfahrungen nicht interessieren. Im Gegenteil, ich liebe es, spazieren zu gehen, dies zumeist mit der Hoffnung, dass ich durch Naturerlebnisse unverhofft verzaubert werden möge. Da gibt es etwa eine Trauerweide an der Aare, bei der ich stets Herzklopfen bekomme, wenn mich ihre langen, geschmeidigen, weit herunterreichenden Äste berühren. Wenn ich genauer hinhorche, dann spüre ich deutlich, dass mir diese Weide die Gefühle von Jungverliebten übermittelt, die sich tatsächlich gerne unter diesem Baum ans Ufer setzen. Von wegen Trauer. Der Körper ist ein fein gestimmtes Instrument, das sehr viel mehr kann, als man denkt.

Ich tanze auch gerne oder ich mache morgens Tai-Chi-Qigong, eine fliessende Abfolge von fünfzehn Bewegungsformen. Einige davon tragen Namen von Tieren wie „der Kondor spreizt seine Flügel“ oder «der Pfau». Es gibt das Pferdefuss-ähnliche Aufsetzen und Schieben des Fusses oder das Kreisen der Hüfte wie ein Elefant. Bei Letzterem erinnere ich mich wieder, wie sich das weich-samtige Wiegen der Hüften dieser Riesen anfühlt, wie ich es einst als Kind auf dem Rücken eines Elefanten im Zoo Basel erleben konnte.

Der Körper speichert Erfahrungen. Er ist wie ein Reservoir von wortlosen Erinnerungen, die ab und zu traumähnlich auftauchen und für Bruchteile von Sekunden an die Oberfläche drängen. Eine Schicht meines Bewusstseins weiss offenbar immer noch, wie sich das Gehen eines Elefanten anfühlt.

Es gibt im Tai-Chi-Qigong auch die Figur des Drachen. Und diese macht mich richtig glücklich. Ihr Ablauf ist aussergewöhnlich für das Tai-Chi-Qigong, denn man öffnet für einen Moment die gesamte vordere Körperhälfte. Die Arme weit gespreizt, ist die Brust für einige Sekunden einem möglichen Angreifer ausgeliefert. Doch dann hole ich mit einem meiner Arme aus, hole Schwung, forme meine Hand zu einer Kralle und führe diese Hand an meinem Ohr vorbei dem fiktiven Angreifer entgegen. Der Drache hat gut kalkuliert. Er weiss von vornherein, dass er dank kurzzeitiger Verletzlichkeit mit einem Schlag den sicheren Sieg davontragen wird.

Es geht im Tai-Chi-Qigong übrigens nicht um Symbole. Es geht eher darum, durch körperliche Erfahrung selbst zum Tier zu werden. Ich verschmelze mit dem starken, selbstgewissen Drachen und kann mein inneres Erleben gleichzeitig dabei beobachten.

Seit einiger Zeit besucht mich nun regelmässig ein Drache, auf Spaziergängen oder wenn ich gedankenverloren meinen Garten giesse. Es ist ein roter Drache. Das Tai-Chi-Qigong hat ihn wachgerüttelt. Er, der viele Jahrhunderte in felsigen Höhlen, sumpfigen Gewässern oder Ozeanen darauf gewartet hat, bei Menschen Gehör zu finden, sitzt auf meiner Schulter und flüstert mir Dinge über meine Körperfunktionen ins Ohr. Der Drache bietet sich als Seelenverwandter an und erteilt mir Lektionen: So behauptet er etwa, dass er das Gleichgewicht der Kräfte von Yin und Yang im menschlichen Körper verstehe, oder dass ich lernen müsse, meine Energien zu kontrollieren. Nur so könne ich Schlagkraft entwickeln. Bei mir sei zu viel Yang im Spiel, meint er, zu viel Kopf.

Nun ja, das ist bei einer Essayistin wie mir nicht weiter erstaunlich. Und natürlich müsste eine wissenschaftlich geschulte Person wie ich sofort reklamieren, wenn mir ein roter Drache Lebensweisheiten einzuflüstern versucht und dann noch derart zweifelhafte. Aber der rote Drache hat dennoch eine Tür in mir geöffnet, hat mich dazu angespornt, mehr auf meinen Körper zu achten und anders, anderes wahrzunehmen, meine Fühler nach Erfahrungen auszustrecken, die es sonst nicht über die Schwelle des Bewusstseins schaffen.

Wie beim Elefanten klingt mit meinem roten Drachen eine verzauberte Saite meines Körperbewusstseins an. Ich bin vielleicht grössenwahnsinnig, wenn ich denke, dass ich eines der grössten und gefährlichsten Fabelwesen verstehen könnte. Aber ich fühle mich gebauchpinselt und akzeptiere mein Los, zur Botschafterin für das Drachenvolk zu werden, das, würde man sich am Christentum orientieren, eigentlich im Höllenfeuer brutzeln sollte. Ich hole nun etwas aus. Denn es gab gute und sehr schlechte Zeiten für die Drachen.

2.

Ich möchte meine Karten offen auf den Tisch legen. Mich beschäftigt in diesem Essay, was Drachen einst für die Menschheit geleistet haben und weshalb wir heute in einer Drachen-losen Zeit erneut ein Drachenbewusstsein entwickeln sollten, um uns im Zeitalter des Anthropozäns besser zurechtzufinden. Warum waren die Drachen im Westen lange Zeit nur noch die Verkörperung des Bösen – ganz im Unterschied zum Osten, wo die Drachen als Glücksbringer verehrt werden? Warum sollten wir sie, wie in vielen Fantasy-Romanen, Comics oder Filmen heute, wieder als urchige, wehrhafte, den natürlichen Elementen verpflichtete Wesen aus der Unterwelt befreien? Weshalb soll mir ausgerechnet ein kleiner roter Drache helfen können, meinen eigenen Körper zu verstehen? Und damit auch die Beziehung meines Körpers zu Wind, Wasser, Feuer und Erde?

Ich habe meiner Forscherinnen-Ehre zum Trotz weiter auf meinen roten Drachen gehört und ihn über Yin und Yang reden lassen, über die Kräfte in meinem Körper, die mir die Kräfte um mich herum widerspiegeln. Vereinfacht gesagt, meint er mit Drachenbewusstsein, dass innen wie aussen und aussen wie innen ist, also alles eins. Das muss man sich zuerst mal bewusst machen. Mich jedenfalls hat es zu neuen Erkenntnissen geführt.

3.

In der Vergangenheit hat man vermutet, dass gewisse Dinosaurier oder Komodowarane den Ursprung der Mythen, Sagen, Legenden und Märchen rund um Drachen gewesen sein könnten, die überall auf der Welt in verschiedensten Variationen existieren. Doch die Drachenforschung, die ihrerseits zutiefst zerklüftet, multidisziplinär und widersprüchlich ist, kann einen Ursprung aus der Evolutionsgeschichte nicht erklären. Etwas süffisant sei hier immerhin angefügt, dass bis ins 18. Jahrhundert naturkundliche Werke Drachen in Europa als physische Realität aufführten. Doch irgendwann wurden sie ins Reich der Fabelwesen abdelegiert und fortan nur noch von Anthropologen, Ethnologen oder Kultur- und Literaturwissenschaftlerinnen als pure Fiktion studiert.

Auch wenn wir uns heute einig sind, dass die Drachen nicht wie die Dinosaurier einem Extinction Event zum Opfer fielen, so fällt dennoch auf, wie unausrottbar Drachengeschichten sind und wie unablässig wir uns mit ihnen beschäftigen. Sie sind überall, in Flurnamen, Bezeichnungen für Höhlen und Felsen, sie zieren unzählige Wappen und Banner, sind oft formidable und noch öfter satanische Gegenspieler in Heiligen- und Heldengeschichten des Mittelalters, heutzutage tauchen sie in vielen Videogames auf, in Disney Filmen oder der Fantasy Literatur. Für diese fiktive Spezies scheint sogar zu gelten: Se non è vero, è ben trovato.

Die Drachen Europas waren die Verkörperung zerstörerischer Erdkräfte und anti-zivilisatorischer Dynamiken, die –vermeintlich aus dem Nichts – Stürme, Fluten, Feuersbrünste oder Erdbeben über die Menschheit hereinbrechen liessen. Sie wüteten überall, liessen Bäche Dörfer wegschwemmen oder Berge andere Berge verschlucken. Wer weiss − vielleicht hat es die Drachen damals durchaus glücklich gemacht, immer mal wieder Jungfrauen serviert zu bekommen. Wenn sie schon die Bösewichte vom Dienst waren, dann doch bitte so richtig krass. Auf jeden Fall waren sie so mächtig, dass Könige und Kaiser zur Abschreckung ihrer Feinde und auf ihren Feldzügen Drachen auf ihren Bannern trugen. Sie waren nützlich, aber im Notfall einfach auch an allem schuld und darum Verfolgte. Und hatte ein Drache überlebt, dann konnte man auf den nächsten Drachentöter hoffen und ab und zu auf die Hilfe des Erzengels Michael.

Sind wir heute, so ganz ohne Drachen, glücklich? Um Armeen von Invasoren zu trotzen, werden heute Tausende junger Männer verheizt und Tonnen von Kriegsmaterial entfesselt. Damals wie heute sterben Soldaten, werden Landschaften, Ernten und Infrastrukturen zerstört und Familien getötet. Es scheint in unserem Zeitalter genauso wenig Licht zu geben wie im dunklen Mittelalter. Einst äscherten Drachen ganz Städte mit ihrem Feuer ein. Heute überzieht die Militärmacht wild gewordener Despoten ganze Länder und ihre Menschen. Leider ist uns das liebste Feindbild, der Drache, aber abhandengekommen. Denn es sind nicht diese geflügelten, Feuer speienden, giftigen Monster, die die Menschheit bedrohen, sondern die Menschen selbst.

Die Funktion des Drachen als Bösewicht und Sündenbock ist entkoppelt von den Katastrophen und Kriegen, die wir gegenwärtig erleben. So sehr, dass wir fliegende Kinderspielzeuge aus Papier Drachen nennen. Und wer würde heute schon denken, dass im nahegelegenen Fluss ein Ungeheuer schläft und dass dieses ab und zu erwacht und all die schrecklichen Überschwemmungen verursacht, die etwa eine Stadt periodisch ereilen? Darum frage ich mich unweigerlich: Was ist das geringere Übel? Dass sich die Menschheit einst vor Drachen fürchtete, oder dass wir uns heute der Erkenntnis stellen müssen, dass die Kriegsmaschinerie und die häufigen katastrophischen Naturereignisse (auch) menschengemacht sind?

Für Kriege, Katastrophen, Epidemien und andere Nöte gibt es heute keinen einfachen Trost. In Zeiten des Anthropozäns gehen nicht nur viele Tier- und Pflanzenarten verloren, klettern die Temperaturen auf Höchstwerte, werden ganze Gemeinschaften dislozieren müssen, um nicht vom Meer verschluckt zu werde – auch die Hoffnung kommt uns abhanden. Und kein Retter, keine Retterin weit und breit.

Darum frage ich mich: War diese kollektive verbreitete, kulturell verbürgte Angst vor dem Drachen nicht erträglicher als die Ohnmacht, die wir heute empfinden, wenn wir Zeugen und Zeuginnen davon werden, dass sich die Natur nach dem Kippen sogenannter Tipping Points gegen uns richtet? Wenn wir als Kollektiv und als Einzelne die Klimaerwärmung und den Verlust der Artenvielfalt mit-verschulden, einzelne mehr als andere?

Der Drache war ein nützlicher Idiot, der der Aufklärung zum Opfer fiel. Seither stehen wir so nackt wie einst Adam und Eva vor Gott, vor einer entfesselten Natur.

Bei mir setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass die Drachen nur noch im Land der Fantasie, der Tiefenpsychologie oder der Popkultur geduldet sind, dass aber ihre Eigenarten und ihr Nutzen heute aktueller sind denn je. Jetzt, wo wir zu Opfern unserer selbstgemachten Katastrophen werden, können wir vielleicht von Drachen lernen. Anstatt dem Drachen nochmals den Todesstoss zu versetzen, möchte ich hier eine Lanze brechen für ihn. Wenigstens für meinen roten Drachen, der mir auf der Schulter sitzt, und für die Lektionen, die er mir erteilt.

4.

Mein Drache hat mich als Erstes in die Beatus-Höhlen am Thunersee geschickt, später zum Basiliskenbrunnen in Basel an der Gerbergasse, ins Klingental Museum zum Heiligen Georg und seinem Drachen, beide in rotem Sandstein verewigt. Ich war im Küsnachter Tobel am Zürichsee und auf dem Pilatus, dem Hausberg von Luzern. Und am Ende habe ich gar an einem Super Event auf dem Messeplatz teilgenommen: an der Fantasy Basel, wo es von Ausserirdischen, Heldinnen mit magischen Kräften oder Monstern nur so wimmelt. Ich habe auch viel gelesen, bspw. über den ältesten Plot der Welt, in dem Drachen eine Rolle spielen, den ersten Schöpfungsmythos aus Laurasien überhaupt oder Vergleichendes zur Drakologie in Ost und West. Besonders gerne habe ich in der Populärkultur rumgeschnüffelt, denn das Genre der Fantasy liebt die Drachen in all seinen Formen, die bösartigen wie die weisen, mit oder ohne Drachenreiterinnen[1].

Oft hat man sie für tot erklärt, und doch sind sie immer wieder auferstanden, ihre neue Gestalt von tödlichen Kampfmaschinen bis zu etwas grösseren gefrässigen Haustieren reichend[2]. Darum frage ich mich auch, ob es reicht, wenn sie die verzauberte Welt der Pop-Kultur bevölkern, um ihnen einen Platz in unserer Welt zurückzugeben.

Doch blenden wir zunächst zurück in eine Zeit, wo die Drachen noch bezwungen werden mussten. Der rote Drache macht es sich unterdessen auf meiner Schulter gemütlich. Die allgemeine Richtung meiner Reise, meint er, passt schon.

5.

So geht die Legende des Heiligen Beatus, dem Drachentöter vom Thunersee, der einst ein Ritter war, sich zum Christentum bekehrte und zum heiligen Helden wurde: „Ich liess mir den Weg zur Höhle zeigen, die der Drache bewohnte. Wie ich mich der Höhle näherte, erkannte ich, dass hier ein schreckliches Untier hausen musste. Die Gräser waren verbrannt, der Fels kahl und angeräuchert und die Bäume nahe der Höhle dürr und tot. Überall sah ich Spuren der Verwüstung; angekratzte Stämme, zertretene Sträucher. Aus der Höhle schwebte der stinkende Atem des Drachen.

Furchtlos stieg ich hinauf. Durch das letzte Gebüsch tretend, blickte ich direkt ins Schauerloch. Dort lag der Drache. Hörner und Zacken sassen auf dem Schädel und Rücken, giftiger Schleim rann von der geschwollenen Zunge über die fürchterlichen Krallen. Kaum erblickten mich die roten Augen, fing das Untier an, mit seinem Schuppenschwanz wild umherzuschlagen. Ich trat mutig auf die Kreatur zu und rief heilige Worte. Als sich der Drache auf mich stürzen wollte, hielt ich ihm das Kreuz entgegen.

Der Drache fuhr beim Anblick des Kreuzes hoch in die Luft und stürzte in den See. Das Wasser zischte und kochte. Der Drache fuhr noch einmal aus den Wellen hoch, bis zur Fluh hinauf. Dort schlug sein Schwanz mit grässlicher Kraft gegen den Stein, dass der Fels erbebte. Doch schliesslich fiel der Drache hinab und versank im tiefen See. Die Sundlauener stiegen darauf jubelnd zur Höhle hinauf und sanken vor mir in die Knie. (…)»

Ich breche hier ab. Diese Erzählung ähnelt vielen anderen Geschichten von Heiligen, die Drachen getötet haben. Darunter gibt es auch viele namenlose, mit nichts als einem Kreuz bewaffnete Mönche wie etwa jener, der im Freiburgischen einen Drachen vertrieb. Was dazu führte, dass sich der heutige Schwarzsee an jener Stelle aufstaute, wo der Drache besiegt wurde und verschwand. Der Berühmteste unter den Drachentötern ist jedoch der Heilige Georg, über den es später zu berichten gilt.

Einige Jahrhunderte später mache ich mich mit dem Schiff auf den Weg zu den Beatus-Höhlen am Thunersee, erklimme den steilen Hang über dem eine gewaltige Fluh prangt, und nähere mich dem Eingang der Höhlen. Wenn ich ein Drache wäre, so habe ich dort den Eindruck, würde ich mich hier wohl gefühlt haben. Nur: Zu Beatus’ Zeiten waren die Besucher und Besucherinnen an diesem steilen Hang vermutlich nicht so zahlreich. Doch gestört hätten sie mich trotzdem und vielleicht hätte ich den Eindringlingen etwas Feuer entgegengespeit. Mein roter Drache nickt heftig bei diesem Gedanken. Er ist entzückt, dass ich bereits wie ein Drache zu denken beginne. Heute ist die Bewaldung unterbrochen durch Schneisen, wohl weniger durch Drachenfeuer verursacht als durch Unwetter in den Hang gerissen.

Am Eingang der Höhlen stehen neben Palmen Restaurationsbetriebe unter dem massig prangenden Felsen. Aus der Wand schiessen zwei Wasserfälle, wie als Zeugnis davon, dass der Berg ein Innenleben hat. Durch ein Drehkreuz trete ich in den Tunnel ein, später auf einen Pfad, der über 900 Meter in die Tiefe des Berges führt und für den ich 87 Höhenmeter hinter mich bringen werde. Vorbei geht es an Bächen, die kräftig sprudeln, gurgeln und über Felsen schiessen und vorbei an Spuren, die das Wasser über Jahrtausende im Berg hinterlassen hat: Gletschermühlen, Stalaktiten und Stalagmiten, Becken, in denen sich das Wasser staut. Die Tropfsteine bilden kleine Ansammlungen, die aussehen wie unterirdische Siedlungen, die verlassen wurden. An anderen Orten stehen die Tropfsteine da wie kleine Türme, die sich in den Tümpeln spiegeln, die den Miniaturdörfern zu Füssen liegen.

Ich fühle mich in Höhlen nicht besonders wohl. Es wird mir schnell zu eng. Doch dieses Mal zwinge ich mich − meinem Drachen zuliebe − voranzugehen, nicht nachzudenken, sondern einfach zu entdecken, was mir der Berg an Gestein, ein wenig grünem Bewuchs, Wasserfällen, Schluchten und Nischen anbietet. Als Stadtmensch bin ich nicht auf die Naturgewalt von Wasser und Stein vorbereitet. Ich bin zu schwach, um diesen Berg längere Zeit auszuhalten. Ich bin in gewisser Weise zivilisationsgeschädigt, verweichlicht durch meinen Lebensstil: durch zumeist trockene, windgeschützte, angenehm temperierte Wohnungen. Meinen Ur-ur-ur-undsoweiter-Ahnen hingegen mögen diese Höhlen Schutz geboten haben. Nennen wir sie deshalb − für einmal nicht abschätzig gemeint − Höhlenmenschen.

Immerhin kann ich nachvollziehen, dass meine Vorfahren diese gewaltige Sache Berg und seine ursprüngliche Kraft für Gott hielten, dass es also nur logisch war, dass auch gottähnliche Drachen dort wohnten. Der Berg war der Drache und der Drache der Berg. Die Vorfahren meines roten Drachens hatten sich die Kraft des Berges, jene des Gesteins, des Wassers, sogar des Magmas zu eigen gemacht und mal hier eine Gerölllawine losgetreten, mal dort mit Gewalt Wasser ins Tal donnern lassen.

Schwerer vorstellbar ist für mich, dass das erhobene Kreuz des Heiligen Beatus den Drachen so aufgeschreckt haben soll, dass Letzterer in den Thunersee gefallen, kurz nochmals aufgetaucht und danach für ewig in seinen Wassern untergegangen sein soll. In der christlichen Kultur nehmen fast alle Drachen ein böses Ende. Glücklich wären sie gewesen, wenn man sie in ihren Höhlen in Ruhe hätte lassen können. Ein Naturschutz-Programm wie heute für die fast ausgestorbenen Gelbbauchunken in dunklen Peitschenmooswäldern wäre vielleicht hilfreich gewesen.

6.

Wenn Drachen in Mythen, Legenden, Sagen oder Märchen auftauchen, dann geschieht stets Ausserordentliches, Katastrophisches, Epidemisches, Kämpferisches und Kriegerisches. Warum ist das so? Die einfache Antwort: Weil die Geburt eines Planeten eine grosse Sache ist.

Der Indologe E.J. Michael Witzels hat ein grosses Projekt verfolgt und das Werk The origin of the world’s mythologies geschrieben, in dem er durch vergleichende Mythologie zum Schluss kommt, dass es eine sogenannte Laurasische Storyline der Schöpfungsmythen gibt, daraus spinnt sich eine First Novel. Laurasien war ein Teil von Pangäa, zu jener Zeit, als sich die Kontinentalplatten langsam voneinander wegbewegten. Laurasien umfasst Teile Eurasiens, Nordafrikas und -amerikas inklusive Kanada und Polynesiens. Die Schöpfungsmythen der Ureinwohner Laurasiens ähneln sich in ihrem Plot oder eben ihrer Storyline.

Witzel reist in eine Zeit der Menschheitsgeschichte zurück, die noch keine Schrift kannte. Er nennt gar die African Eve, die vor rund 130’000 Jahren in Afrika gelebt hat und die mittels ihrer mitochondrialen DNA als genetischen Ursprung, als gemeinsame Vorfahrin für viele Völker identifiziert worden ist. Als die ersten Schöpfungsmythen schliesslich in Mesopotamien in Keilschrift festgehalten wurden, bezogen sich diese auf eine rund 65’000 Jahre zurückreichende orale Tradition von Völkern, die auf der laurasischen Platte in verschiedene Richtung migriert waren. Deshalb auch die Variationen in der gemeinsamen Storyline.

Anders als andere Autoren glaubt Witzel jedoch nicht an einen einzelnen Ursprung eines Mythos, der in verschiedene Richtungen diffundiert ist, sondern an ein vielschichtiges Netz innerhalb eines grossen geografischen Raums. Und Witzel beschreibt nicht einen einzelnen, sondern ein zusammenhängendes System von Mythen von der Schöpfung der Welt bis zu ihrer Zerstörung. Er grenzt ausserdem die Laurasische Storyline, eher im Norden, von derjenigen von Godwana (Australien, Südafrika, usw.), eher im Süden ab.

Witzels Gesamtschau ist waghalsig, doch die Mythen verfolgen die grossen Fragen der Menschheit; „(…) myths deal with questions of the origin, the nature, and the ultimate destiny of the world and its human beings.“. Mir persönlich leuchtet ein, dass die Antworten der ersten Menschen auf diese Fragen notgedrungenermassen anders ausfallen mussten als unsere, und dass sie eine besondere Form von Zeugnis darstellen. Doch Witzel macht für seinen Ansatz der vergleichenden Mythologie einen gigantischen Effort und ist deswegen in vielen Details angreifbar. Er wird von einigen Akademikern in seinem Ansatz als oberflächlich und fehlerhaft kritisiert.

Hier eine grobe Zusammenfassung des ältesten Plots der Welt: Die Erde wird aus Chaos und Dunkelheit geboren. Es entstehen zuerst Wasser, auf ihm schwimmende Inseln und auf ihnen später erste Wesen. Je nach Tradition sind dies Vögel, Riesen, Stiere oder auch Eier. Die Welt wird in oben und unten, in Himmel und Erde unterteilt. Die verschiedenen Ebenen jener Kosmologie können mittels Stangen, Weltenbäumen oder -bergen erreicht werden. Ein Demiurg[3] oder ein Trickster schaffen Land und Licht. Die auf der Erde lebenden Drachen werden getötet, um den Boden mit ihrem Blut urbar zu machen. Erst jetzt folgt die Schöpfung von Titanen oder von olympischen Göttern und nochmals später diejenige von Menschen. Verschiedene Figuren stehlen den Göttern Feuer oder einen himmlischen Trank. Dies alles geschieht in vier Zeitaltern. Am Ende jedes Zeitalters folgt jedoch die Zerstörung der Welt wie durch die berühmte Sintflut. Dem Ursprung der Welt wohnt liegt also schon ihr Ende inne.

Eine gute Ergänzung zu Witzels Monsterwerk liefert der Historiker, Journalist und Drakologe Martin Schwerdt. Er bettet die Geschichte der Drachen und ihrer Mythen in die jeweilige kulturelle, gesellschaftliche, ökonomische und religiös-spirituelle Entwicklung der Völker ein, die Drachenmythologie hervorgebracht haben. Damit stellt er den Stellenwert der Drachenlegenden in diesen Gesellschaften dar. Im Unterschied zu Witzel wird diese Drachen-Kulturgeschichte plastisch. In einer Chronologie zeigt Schwerdt auf, dass Drachen im Lauf der Jahrtausende unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen erfüllten, je nach Epoche und Kontext.

Zum Beispiel Mesopotamien. Das Epos von Urmutter Tiâmat und Marduk, Sohn der Ea, im sumerisch-babylonischen Schöpfungsmythos Enûma Elîsch ist eines der ältesten überhaupt und wurde − wie schon oben erwähnt − in Keilschrift rund 3000 Jahre v.Chr. festgehalten. Die Geschichte geht in etwa so: Urmutter Tiâmat hat im Kampf der Götter um die Vorherrschaft viele Ungeheuer, darunter auch Drachen, geschaffen. Marduk will eine neue Weltordnung errichten und muss dafür nicht nur diese Monster töten, sondern auch die Urmutter selbst. Nach gewonnener Schlacht gegen die Monster und Drachen schafft Marduk Mond, Sonne und Sterne und platziert diese am Himmel. Aus den Knochen der geschlagenen Chaoskreaturen schafft er die Menschen, auf dass diese den Göttern fortan Opfer bringen und dienen mögen.

Erst der Tod der Drachen und Ungeheuer, die in diesem Mythos noch göttliche Wesen sind, geben den Weg frei für eine neue Ordnung. Der Boden der Erde wird wie bei Witzel erst durch das Blut der Drachen zur Grundlage für die Entwicklung einer menschlichen Landwirtschaft. Schwerdt beschreibt auch, was den Hintergrund für den Mutter- und Drachenmord und die neue Weltordnung bildet: Zwischen Euphrat, Tigris und persischem Golf entstehen erste Siedlungen oder gar Städte, die mit dem Umleiten von Flüssen, mit Bewässerungsanlagen oder grossen Tempelanlagen in die alte Ordnung der Mutter (Natur) eingreifen.

Die neu entstehenden Zivilisationen emanzipieren sich von älteren spirituell-religiösen Systemen wie dem Totemismus, dem Animismus oder einem Ahnenkult, in denen sich die Menschen noch als Teil des Körpers von Mutter Erde verstehen. Diese älteren Glaubenssysteme existieren parallel bei Völkern weiter, die in der Nähe von Babylonien leben. Schon damals gab es zivilisatorische Ungleichheiten und Ungleichzeitigkeiten. Doch es scheint damals eine gemeinsame «Erinnerung» an die Drachen gegeben zu haben.

Im Unterschied zu späteren Deutungen sind die Drachen in den ursprünglichen Schöpfungsmythen geschlagen, aber sie sind ehrenhaft in transformierter Form in die Schöpfung eingegangen. Ihre Skelette bilden den Körper der Erde und damit gar jenen der Menschen. Zuerst haben die Götter ihr Werk getan, danach legten die Menschen dieser Schöpfung gesellschaftliche Regelwerke und Hierarchien zugrunde[4]. Menschliche Gesetze lösten die göttlichen ab. Doch einem Babylonier war vermutlich noch bewusst, dass er sein Leben dem Opfer der Drachen für die Fruchtbarkeit des Bodens zu verdanken hat, dass er auch wegen ihnen ein Leben in der Stadt geniessen konnte.

Heute würden die Besucherinnen und Besucher der Beatus-Höhlen nicht annehmen, dass der grosse Fels über ihnen das versteinerte Skelett eines Drachen in sich tragen könnte. Dies auch darum nicht, weil irgendwann das Mittelalter anbrach, das den Ausschluss der Drachen aus Rang und Ordnung und deren Brandmarkung als die Bösewichte besiegelte. Mein roter Drache legt an dieser Stelle des Essays sein schuppiges Gesicht in Falten. Ist er nur nachdenklich oder ahnt er schon, wie die Erzählung vom Unglück der Drachen jetzt so richtig ihren Anfang nimmt?

7.

Um das Gefälle zwischen den Schöpfungsmythen aus laurasischen Zeiten und den Sagen aus unserem Land etwas zu verringern, besuche ich, wie oben bereits versprochen, weitere Drachenorte in der Schweiz. Die Auswahl ist gross und die Entscheidung für bestimmte Orte darum eher zufällig. Nach dem Erddrachen in den Beatus-Höhlen verschlägt es mich ins Küsnachter Tobel und damit zu einem Wasserdrachen. Dieser kleine Ausflug soll ein weiteres Präludium werden, bevor ich mich dem Heiligen Georg zuwende – und damit auch der Frage, weshalb die europäischen Drachen nicht nur zur Seite geschoben und aus dem kollektiven Bewusstsein verdrängt, sondern im Gegenteil sogar verteufelt wurden.

Doch hier zunächst diese Legende: Im Tobel, dem Tälchen von Küsnacht am Zürichsee soll einst ein Drache gehaust haben. Er sei für viele Überschwemmungen der Gemeinde durch den Dorfbach verantwortlich gewesen, der sonst − ich kann das bezeugen − ruhig und anmutig durch den Tobel fliesst. Als ich das Tälchen besuche, ist der Weg nach mehreren Regentagen zwar nass und glitschig. Doch selbst bei wechselhaftem Wetter kann ich sehen, wie malerisch der Küsnachter Tobel aussieht, mit viel grünem Moos entlang dem Ufer des Baches, der sich in kleinen Wasserfällen über Schwellen Richtung Zürichsee ergiesst.

Die Hänge sind bewaldet. Ab und zu geben Bäume und Unterholz den Blick auf felsige Wände aus Nagelfluh frei. Weiter unten im Tobel liegt ein grosser Brocken Stein auf dem Weg, der sich erst vor einigen Jahren gelöst hat und friedlich und ohne grössere Verheerungen am Boden des Tobels angekommen ist. Die Küsnachter nennen ihn prompt Drachenkopf.

Ich weiss, es hier gibt irgendwo eine Drachenhöhle. Und siehe da: Just dort, wo ich ein grosses schwarzes Loch sehen kann, ist eine Teilstrecke des Weges mit einem rot-weiss-gestreiften Plastikband abgesperrt. Heftiger Regen hatte zuvor den Boden aufgeweicht. Unterhalb der Drachenhöhle liegt Geschiebe und Astmaterial überdeckt von sandigem Schlick. Der Wasserdrachen macht sich lustig über uns mit dieser Unordnung, die er vor seinem Haus hinterlassen hat. Die Stelle ist so schlecht passierbar, dass ich und meine Kollegin abwechselnd lachen und schimpfen müssen. Ich wage nicht zur Höhle hinaufzuklettern, zu rutschig ist alles im Moment. Aber ich habe auch wenig Lust dazu, denn die Höhle löst in mir eher mulmige Gefühle aus. Angstlust, denke ich, ist wohl auch ein Grund, weshalb wird Drachenlegenden, Gespenstergeschichten oder Horror Movies noch immer lieben.

So unangenehm die Rutschpartie für uns auch war, bedeutend weniger gut erging es den Bewohnern und Bewohnerinnen von Küsnacht, die regelmässig von Wassermassen drangsaliert wurden. Im Jahr 1778 sollen 63 Menschen durch sie getötet worden sein. Rund siebzig Jahre vorher schrieb (übrigens) der Schweizer Geograf Johann Jakob Scheuchzer, der zwischen 1702 und 1711 neun Mal die Alpen überquerte und mit dem Eifer eines Vertreters der erstarkenden Naturwissenschaft die Pflanzen- und Tierwelt kategorisierte, dass in verschiedenen Schweizer Kantonen Drachen zu finden seien. So war es ihm zumindest erzählt worden. Und eben 1778 soll der Drache in Küsnacht mit der Gewalt seiner Wasser gar den Friedhof erreicht und Gebeine und Särge in den Zürichsee hinausgespült haben.

Die Sage holt weiter aus: Man versuchte den Drachen immer wieder zu vergrämen oder den Eingang zur Höhle zu verstopfen. Ohne Erfolg. Erst spät gelang es einem Ritter mithilfe eines Schwerts, einer geweihten Kerze und der Heiligen Maria den Drachen im Tobel zu besiegen. Die Kerze brachte Licht in die Höhle, und Maria höchstpersönlich soll den Drachen mittels einer diamantenen Kette an einen Felsen gekettet haben.

Eine ähnliche Geschichte erzählt mir ein Kollege aus dem Fürstentum Liechtenstein, wo ein Wasserdrache bei Mäls sein Unwesen trieb. Auch die Mälsner versuchten, das Untier mit selbst geflochtenen Hanfseilen und Netzen einzufangen, und blieben erfolglos. Neun Tage lang beteten die Mälsner danach zur Mutter Gottes und versprachen ihr, eine Kapelle für sie zu errichten. Und der Drache verschwand. Zum Dank bauten sie wie versprochen die Wallfahrtskirche Mariahilf, die bis heute in Balzers in einer friedlich anmutenden Parkanlage steht.

Drachengeschichten sind im Mittelalter so populär wie blutig. Sie bilden zum einen den Stoff für Heldensagen, von denen die Nibelungen die wohl bekannteste ist, oder wie schon gesagt von Heiligenlegenden. Die Drachen waren die Monster, an denen die Helden ihr Mütchen kühlen konnten. Wie bei weiblichen Protagonistinnen in anderen religiösen Traditionen[5] steht jedoch auch bei Maria der Hilferuf notleidender Menschen im Zentrum. Wenn sie im Spiel kommt, ist der Ausgang der Legenden weniger blutig als bei Mönchen, die auf die Heiligsprechung und die Bekehrung der Gottlosen bedacht sind.

8.

Hier sei nun mal kurz der Spiess umgedreht und psychologisch oder alttestamentarisch argumentiert: Kann man es den Opfern von Naturkatastrophen wirklich verübeln, dass sie im Stil von ein-Auge-für-ein-Auge die (herbeigeredeten) Verursacher von Verheerungen tot sehen wollen? Katastrophen schlagen wie aus dem Nichts zu, zerstören Leben, Hab und Gut. Die Betroffenen werden damals wie heute von diesen Schicksalsschlägen schier erdrückt. Alles, was ihnen nach der Attacke des Drachen bleibt, ist an den Ort der Verwüstungen zurückzukehren, zusammenzuflicken, was unbeschädigt geblieben oder wiederverwendbar ist, und sich zu fragen, ob es das Risiko wert ist, ein Haus wieder aufzubauen, ein Feld neu anzulegen oder die Dorfkirche zu reparieren. Viele gehen wohl lieber von einem Ort weg, der bis vor Kurzem ihre Heimat gewesen ist, aber jetzt nur noch das dunkle Niemandsland des Verlusts repräsentiert.

9.

In der christlichen Auffassung des Mittelalters stellen Drachen die Verkörperung Satans dar, ausgestattet mit Flügeln, Stacheln, Hörnern, stechendem Blick, einem giftigen Atem und feuerspeienden Maul, mit Schwänzen wie tödliche Peitschen − eine Mischung aus Echse, Adler, Löwe, Hahn… Im Mittelalter ist das Böse überall. Es lauert im Schatten einer dunklen Gasse genauso wie hinter der schönen Fassade eines Hauses oder dem scheuen Lächeln einer Magd. An einer Kathedrale − welche weiss ich nicht mehr − habe ich die Skulptur einer Maid gesehen, die nach vorne vor Lieblichkeit nur so erstrahlt, auf deren Rücken sich jedoch Schlangen räkeln und Unken tummeln. Selbst die personifizierte Unschuld kann der verkleidete Satan sein. Die Angst vor ihm war ein Grund dafür, dass das Böse dreist gewissen gesellschaftlichen Gruppen zugewiesen wurde, die als Sündenböcke herhalten mussten. Diese Geschichte muss ich hier wohl nicht auch noch erzählen.

Es wird einige Jahrhunderte dauern, bis Freud oder Jung das Triebhafte oder das dunkel Archetypische in den Menschen hinein verlegen und deutlich machen, dass wir alle fähig sind, Böses zu tun. Natürlich hält sich im Mittelalter hartnäckig die Vorstellung des sündigen Verhaltens und der Laster, denen jeder guter Christ Einhalt gebieten musste. Aber Satan ist damals eine Kraft ausserhalb der Menschen, ein Widersacher, gegen den man sich zur Wehr setzen muss und dies mithilfe des Kreuzes auch kann. Die Heldensagen des Mittelalters erzählen denn auch nicht vom Kampf der Heroen gegen sich selbst, wie es Geisteswissenschaftler später interpretiert haben. Vielmehr geht es in diesen Sagen darum, dass junge Männer die höchste Form der Entschlossenheit und des Mutes beweisen und darum bewunderungswürdig und ab und zu gar heiliggesprochen wurden. Doch dieser Gedanke ringt meinem roten Drachen nur ein wehmütiges Lächeln ab. Als ob solch (übermütige) Eitelkeit und fehlgeleitete Männlichkeit ausreichten, um die schönsten der Ungeheuer zu verfolgen.

10.

Ich frage mich, wie es gewesen sein muss, als man dachte, das Böse lauere überall. Vor Kurzem las ich in einer Buchbesprechung der New York Times, es sei wohl eine der grössten Errungenschaften des Teufels, dass wir heute annehmen, es gebe ihn nicht!

11.

Es ist kalt geworden, als ich den in Sandstein verewigten Heiligen Georg und «seinen» Drachen im Museum Klingental im Kleinbasel besuche. Ich muss mich in meinen Wollmantel und Schal wickeln, damit ich gegen den kalten Wind und die Anfänge eines Schneeregens ankämpfen kann. Immer wieder bin ich erstaunt darüber, wie breit der Rhein hier nach der Mittleren Brücke ist. Ich bin an die überschaubarere Breite der Aare gewöhnt. Mit mehr Wasser erhält ein Fluss auch mehr Gewicht. Der Rhein organisiert gar die Landesgrenzen verschiedener Staaten.

Am mittelalterlichen Rhein lag einst ein Nonnen-Kloster, gleich neben der Kaserne, die natürlich jüngeren Datums ist. Ich besuche das ehemalige Refektorium, den Speisesaal und die Küche des einstigen Klosters. Im Refektorium sind die Statuen Georgs und des Drachen, des Heiligen Martins, einige Wasserspeier und anderes mehr ausgestellt. Weiter hinten in der Küche ist eine Replika der Maria mit Kind zu sehen, die hoch oben im Giebel des Münsters thront. Sie hat ein rundliches, eher bäuerliches Antlitz, und auch die Christusfigur ist ein ausgesprochen pausbäckiges Kind mit einem breiten Lachen im Gesicht. Vorbilder waren vielleicht gesunde, gut genährte Bauern aus dem Umland von Basel. Das Münster wurde Maria gewidmet.

Wie ich später höre, bildet ihre Statue ganz oben an der Münsterfassade mit den beiden Statuen Georgs am Westturm und Martins am Ostturm ein gleichschenkliges Dreieck. Der höfisch angehauchte Edelmut des Ritters und Heiligen Georg im Kampf gegen den Drachen und die Barmherzigkeit des guten Samariters Martin sind wie das Yin (im Osten) und das Yang (im Westen) Tugenden des Christentums. Die zwei Ritter sind ausserdem die loyalen Untertanen der Mutter Maria und ihres himmlischen Reiches. Der Westen, die Richtung der untergehenden Sonne, ist traditionsgemäss dem Erzengel Michael gewidmet, der wie oben schon angetönt in die Reihe der Bezwinger des Bösen und damit auch der Drachen gehört. Der Westen ist auch die Seite des Jüngsten Gerichts und der Apokalypse. Auf der Ostseite hingegen liegt mit dem Paradies die Hoffnung auf Erlösung und ewigen Frieden, die das Christentum verspricht. Beim Münster schliesst an den Ostturm der Kreuzgang mit seinen Grabmälern an.

Entstanden ist die Georgs-Statue Mitte des 14. Jahrhunderts. Im Erdbeben von 1356 wird das Basler Münster beschädigt. Ein Drache hat sich hier wohl nicht an die Spielregeln christlicher Drachentourniere gehalten und mit einem Erdbeben zugeschlagen. Die Statue des Heiligen Georgs bzw. Bestandteile davon werden wieder zusammengefügt und das Original wird 1960 ins Museum Klingental transferiert.

Die Basler Version des Heiligen Georgs, den es hundertfach in anderen Kontexten in Europa und vielleicht sogar weltweit gibt, sitzt auf einem massigen Pferd, das Bein in den Steigbügel gepresst und durchgestreckt, das Gesäss vom Sattel erhoben wie ein mittelalterlicher Ritter in einem Tournier. Die Lanze, die hier nicht mehr vorhanden ist, richtet er mit geradliniger Tötungsabsicht auf den Drachen.

Da höre ich meinen roten Drachen laut auflachen: Georgs «Ungeheuer» verdient kaum den Namen eines Drachen. Er ist auffallend klein, sein Maul mit Zähnen, die abgerundet und nicht scharf wirken, eher ängstlich als bedrohlich aufgerissen. So, als würde er auf den Todesstoss warten, ja, ihn sogar einladen. Denn der Drache ist nicht aktiv in eine Kampfhandlung verstrickt, sondern sitzt brav da, die Flügel eingeklappt und weder für Flucht noch Kampf gespreizt. Er wirkt wie ein zotteliger unglücklicher Hund mit herabhängenden Ohren, einer pelzigen oder gefiederten Brust, einem reptilienartigen hinteren Körperteil und einem Schwanz, der abgebrochen noch kürzer wirkt.

Ich verstehe das höhnische Gelächter auf meiner Schulter, denn auch die Anständigkeit dieses Drachen ist augenfällig, so als müsste er Georg, der ruhig und gleichzeitig professionell an die Drachentötung herangeht, entgegenkommen. Christus, der durch Georg wirkt, hat schon zum vornherein gesiegt, der Drache hat gleichsam Forfait eingegeben. Auch der Heilige Martin an der Ostfassade wirkt ganz milde, hat die Augen geschlossen, als er dem Bedürftigen auf seinem Weg ein Stück seines Mantels reicht. Überhaupt wirken im oben beschriebenen Trio alle recht entspannt und zufrieden mit sich und der Welt, denke ich und verlasse das Museum Kleines Klingental angesichts dieses kraftlosen Drachens nachdenklich.

12.

Die Legende des Drachentöters Georg ist Gegenstand vieler Interpretationen, weil dieser Heilige über viele Jahrhunderte hinweg eine enorme Strahlkraft entwickelt hat. Die Legende zerfällt in zwei Teile bzw. Epochen; die erste geht ins 3. Jahrhundert nach Christus zurück. Georg ist in dieser Legende der Sohn eines Generals in Kappadokien, einer Landschaft in Zentralanatolien in der heutigen Türkei. Sein Vater wird im Krieg getötet, der Sohn geht an den Hof Diokletians in Split, im heutigen Kroatien. Er wird dort Beamter und konvertiert später zum Christentum. Diokletian jedoch verfolgt die Frühchristen und auch Georg wird von diesen Ereignissen erfasst. Er verlässt den Staatsdienst, verteilt seine Reichtümer unter den Armen und will seine Mutter in Mazaca in der heutigen Türkei besuchen. Doch Georg wird gefangen genommen und gefoltert. Die Legende will es, dass er gleich mehrfach getötet werden muss, da er wie Christus immer wieder aus seinen Toden erwacht. Seine Widerstandskraft in Angesicht von Folter und Tod prädestinieren ihn dazu, bewundert und verehrt zu werden. Eine Quelle weiss gar zu berichten, dass der Heilige Georg über die Fähigkeit verfügte, selbst unfruchtbare Frauen mit einem Kind zu segnen. Seine Gebeine werden in einem Grabmal in Diospolis, dem früheren Lydda und heutigen Lod bei Tel Aviv beigesetzt und von den Kreuzrittern, die ihn innig verehrten, Jahrhunderte später oft besucht.

Der Drachenkampf steht in der älteren Version nicht im Zentrum der Legende. Wikipedia weiss immerhin zu berichten, dass Georg auf seiner Reise eine persische Räuberbande vernichtete, dessen Anführer den Namen Nahfr, Schlange oder Drache, trug. Dieses Thema wird auch in der zweiten Version der Legende wieder auftauchen, nur ist der Gegner dieses Mal ein Drache und nicht ein Mensch.[6]

Möglicherweise unter dem Einfluss der antiken Sage um Perseus, der Andromeda vor einem Drachen rettet, entsteht ein weiterer Legendenkreis um den Heiligen Georg. Hier erst wird er zum Drachentöter, der in der Gegend von Libyen eine Prinzessin rettet. In religiösen Bildern wird die Prinzessin zumeist mit einem Schäfchen abgebildet, das mitgeopfert werden soll. Georg kommt ihr zu Hilfe, tötet den Drachen aber zunächst nicht. Er verlangt, dass sich die Bewohner und Bewohnerinnen der Stadt zum Christentum bekehren, und schlägt dem Drachen erst nach deren Zusage den Kopf ab. In der Legenda aurea[7], die unter anderem die wichtigsten Lebensgeschichten von Heiligen zusammengetragen hat, wird überliefert, dass sich Georg weigert, die Prinzessin zu heiraten, und deshalb von ihrem erzürnten Vater getötet wird.

Diese (zweite) Legende wird vorwiegend im Hochmittelalter verbreitet. Dafür spielen die Ritter der Kreuzzüge eine wesentliche Rolle, die den Heiligen Georg zum Vorbild und Schutzpatron machen. Sie sollen den Namen Georgs bei Sturmangriffen ausgerufen haben. Die Legende wird schliesslich von Richard Löwenherz nach England[8] gebracht, liegt teils der Artus-Sage zugrunde und Georg spielt schliesslich als Patron Englands eine Rolle.

Was mich bei der Verwandlung der ursprünglichen in die zweite Legende interessiert, ist diese seltsame 180-Grad-Wende der Kirche: Der ehemals während des Frühchristentums Verfolgte, Gefolterte und Getötete wird zum Helden der sich etablierenden katholischen Kirche. In der zweiten Version wird er zum mächtigen Drachentöter hochstilisiert. Sein Tod wurde − wie man heute sagen würde − neu kontextualisiert. Oder vielleicht müsste man eher von einer Weiterentwicklung des Georg-Motivs sprechen: Die erste Legende beschreibt einen Georg, der eher zufällig einen Banditen tötet. Der zweite Georg hingegen ist eine mehr oder minder erprobte und trainierte Kampfmaschine gegen einen altbewährten Feind – den Drachen.

13.

Ob den Christen damals bewusst war, dass sie mit ihren Drachenkämpfen auch einen Krieg gegen die Natur führten? Das Christentum beerbte zwar wesentlich ältere Drachenbilder als anti-zivilisatorische Kräfte, die das von Menschen Erbaute in einem Schlag wegfegen konnten. Doch für das mittelalterliche Christentum wurde der Drache zum hoffähigen Idioten umgewandelt, der als Verkörperung Satans Mal um Mal niedergemacht werden konnte, um die unfehlbare Macht der Kirche zu bezeugen.

Es gibt selbst Theorien, dass der mittelalterliche Drache und Teufel als weiblich galt und die Hinrichtung der «Hexen» auf dem Scheiterhaufen die gerechte Feuerstrafe für jene Frauen darstellte, die im Pakt mit dem Satan waren. Feuer wurde mit Feuer bekämpft.

14.

Basel hat es mit den Drachen. Dort hat einst auch ein Basilisk gelebt, eine Unterform des Drachen. Auffallend an ihm ist der Hahnen-ähnliche Kopf. Im Hochmittelalter habe er an der Gerbergasse sein Unwesen getrieben. Wie ich höre, gab und gibt es im Umfeld dieser Gasse, von der aus Teil der Basler Altstadt in Richtung Spalenberg leicht ansteigt, vielleicht noch immer eine Quelle. Darum repräsentiert wohl auch dieser Basilisk das Wasserelement. Heute steht zu seinem Gedenken an der Gerbergasse einer von 28 Trinkbrunnen, über dem in grünem Metall ein Basilisk mit offenen Flügeln und dem Basler Wappen auf der Brust thront. Auch hier wird wie bei Georg die ehemalige Bedrohung romantisiert und der Basilisk zum Maskottchen der Stadt umfunktioniert.

Besonders an der Geschichte des Basler Basilisken ist jedoch die historisch belegte gesellschaftliche Empörung, die ihren Höhepunkt in einem Gerichtsfall findet. 1494 soll in Basel ein elfjähriger Hahn ein Ei gelegt haben. Und wie man aus der Mythologie bzw. von J. K. Rowling[9] weiss, ist es möglich, dass aus einem Ei, das ein alter Hahn gelegt hat, multipliziert mit einer Kröte, eine Schlange oder eine schlangenähnliche Kreatur wie ein Basilisk hervorgehen und zur embryonalen Gestalt von You know who werden kann. Der Hahn in Basel wird zum Tod verurteilt, hingerichtet, und Ei und Hahn werden danach sicherheitshalber verbrannt. Schluss. Punkt. Sache erledigt.

15.

Dieses Externalisieren des Bösen, die Verortung des Satanischen in der Aussenwelt, ist typisch für die Beziehung der Europäer und Europäerinnen zu ihren Drachen. Andernorts ist das anders. Chinesische Drachen bilden den innersten Kern der Kaiserreiche, ihre Kräfte unterliegen der Identität vieler Dynastien in asiatischen Ländern. Sie werden dort als Glücksbringer gefeiert, vielleicht gerade, weil sie die Kräfte der Natur[10] und damit das Wohlwollen der Götter im Hinblick auf reiche Ernten darstellen. Ich schreibe diesen Essays übrigens im Jahr des chinesischen Holz-Drachen und hoffe, dass er mir wohlgesinnt sein möge.

Der Unterschied Ost-West spiegelt sich auch in der Darstellung dieser Fabelwesen wider: Im Unterschied zu den chinesischen Drachen, die eine eher einheitliche Form haben, bei denen nur kleinere Details wie die Anzahl Klauen darauf hinweisen, ob es sich um einen kaiserlichen oder um einen Drachen aus einem Volksmärchen handelt, gibt es im Westen Drachen in den verschiedensten Ausformungen wie den Lindwurm, den Basilisken oder den Tatzelwurm. Selbst innerhalb einer Unterform von Drachen variieren die Details oft.

Wichtig scheint mir auch die Unterscheidung des chinesischen Drachenforschers Qiguang Zhao zwischen Mythen, Legenden und Märchen zu sein, wobei die letzte Kategorie diejenige sei, die dem Volk am nächsten ist. In chinesischen Märchen sind die Drachen oft mit Geschichten rund um Naturgewalten verknüpft und werden auch mal negativ bewertet. In A Study of dragons, East and West führt Zhao aus, dass der Drache für eine «hydraulische» Gesellschaft und Wirtschaft, wie sie in China existierte, von grosser Bedeutung war. Dass die Bauern ganz konkret Kontrolle über naturbasierte Technologien wie Dämme für ihre Reisfelder haben mussten und dadurch in Abhängigkeit zu ihren Wasserdrachen lebten. Schade, dass diese positive Besetzung der Erdkräfte und ihrer Schutzgötter im Westen so nicht möglich war.

16.

Mein kleiner roter Drache ist kein grosser Theoretiker, darum werde ich fürs erste diesen Part übernehmen. Er hat mich auf eine Reise geschickt, man könnte sogar sagen auf seinen «walk of shame». Aber was heisst das denn nun für mich? Mehr denn je bin ich jetzt der Überzeugung, dass wir heute – angesichts der Klimakrise und anderer ökologischer Katastrophen – eine neue Beziehung zur Natur brauchen. Die Beziehung zu den Naturgewalten bzw. zu ihren Vertretern, den Drachen sollte dabei weder von mittelalterlicher Dämonisierung noch von rein wissenschaftlicher Objektivierung geprägt sein, sondern von einem ganzheitlichen «Drachenbewusstsein»: Der Fähigkeit, sich als Teil der Naturkräfte zu begreifen und eine echte Beziehung zur natürlichen Umwelt aufzubauen. Mein kleiner roter Drache ist ein schlaues Kerlchen und nickt heftig und erleichtert, fast also hätte er vermitteln wollen, dass sein Mensch es «gecheckt» hat.

17.

Der Ost-West-Vergleich hat mir bei der Definition von «Drachenbewusstsein» geholfen. Doch nochmals kurz und der Vollständigkeit halber zur europäischen Kultur- und Religionsgeschichte: Die Bewertung des europäischen Drachen und die Einordnung seiner Rolle in die christliche Ordnung findet im Neuen Testament ihren Anfang und geht auf die Offenbarung des Johannes zurück, in der der Drache als Wesen mit sieben Köpfen und zehn Hörnern beschrieben wird[11], auf dessen Häuptern je eine Krone sitzt. Der Erzengel Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Auch der Drache und seine Engel kämpften, aber sie konnten sich nicht halten und verloren ihren Platz im Himmel. «Er wurde gestürzt, der grosse Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt, und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen.[12]

Bewegen wir uns weg von einer metaphysischen Perspektive auf den Kampf von Gut und Böse und hin zur Frage, wie die katholische Kirche über die Jahrhunderte die alten Götter vertrieb und die Menschen mit Gewalt und faulen Tricks für sich einnahm, erhalten die Drachenlegenden eine andere Dimension. Dann ist die Verteufelung der Drachen nicht länger als ein Kampf des Guten gegen das Böse zu betrachten. Im Gegenteil, die Drachen sind die Opfer eines mit unfairen Mitteln geführten Prozesses der Missionierung, der, wie schon erwähnt, in der Inquisition und den Hexenverfolgungen im Mittelalter gipfelte.

18.

Nimmt das Schicksal der Drachen heute gerade eine glückliche Wende?

Als ich mit einer Freundin den Gipfel des Hausbergs von Luzern, den Pilatus, erreiche, verstehe ich, weshalb dieser auch als Drachenberg bezeichnet wird. Mein eigener roter Drache zupft mich am Ohr und vermittelt mir freudetrunken die Vision, wie ich mich vom Felsen abstosse und hinausschwinge in die Luft. Meine Flügel breit aufgespannt, bis der Luftwiderstand das Seine tut und mich auffängt. Unter mir weit und breit nichts als eine steilabfallende Felswand und auf einem Vorsprung ein alter Steinbock, der mir einen fragenden Blick zuwirft. Sind Drachen die Vorläufer der Hängeschirmgleiter? Wollen wir heute so den Spass erleben, der einst Drachen und Vögeln vorbehalten war?

Es gibt gleich mehrere Legenden und Märchen über die Drachen vom Pilatus. Ich will sie nicht alle aufzählen, aber eindrücklich ist, dass es darunter auch endlich Geschichten über gute Drachen gibt, wie beispielsweise jene eines jungen Mannes, der sich in den Bergen verirrt und in die Drachenhöhle fällt, dort aber nicht verschlungen, sondern im Frühling friedlich in die Freiheit entlassen wird. Oder die Geschichte des berühmten Eis, das ein Drache (versehentlich?) habe fallen lassen und um das sich viele Heilsgeschichten spinnen. Diesen macht dieses Mal die moderne Wissenschaft den Garaus, weil eine Untersuchung ergibt, dass es sich nicht um ein Ei, sondern um ein Stück Holz handelt.

Vielleicht ist es auch wegen diesen guten Drachen, dass man dem Branding, made in Lucerne rund um den Pilatus nicht ausweichen kann. Luzern zieht gerne chinesische Touristen und Touristinnen an, und mit guten Drachen können sich die Gäste besser identifizieren als mit abgründigen Geschöpfen. Anders gesagt: Die Pilatus-Drachen hatten das Glück, aufgeweckten Luzernern und Luzernerinnen zu begegnen, die sinnstiftend eine Brücke zwischen Ost und West errichteten. Natürlich nicht ohne den Eigennutz der schweizerischen Hospitality-Expertinnen.

19.

Ich sitze in der Messehalle an der Fantasy Basel, zusammen mit rund sechzig weiteren Personen. Angesagt ist der Vortrag von John Howe, der unter anderem die Bücher des britischen Schriftstellers und Philologen J. R. R Tolkien, Autor der Trilogie Herr der Ringe, illustriert hat. Der Vortrag trägt den Titel Just what is fantasy about und beginnt mit einem klugen Essay von Howe von philosophischer Dimension, mal ernst, mal schmunzelnd. So sagt er etwa, dass das dunkle Mittelalter für Fantasy-Autoren und
-Autorinnen «the biggest fan zone ever known» darstellt. Er beschreibt das Mittelalter als Schatzkammer, ja als ein Goldenes Zeitalter für Künstler und Künstlerinnen, für Autoren, Game Designerinnen, Content Creators und Bloggerinnen und, ganz sicher auch, für die Hunderten von hinreissenden Cosplayern in ihren Kostümen, von denen es in der Basler Messehalle nur so wimmelt. Cosplayer sind Fans, die sich wie berühmte Comic-, Manga-, Film- oder Romanfiguren kleiden und in Wettbewerben gegeneinander antreten. Howe meint auch, frühe Fantasy-Schriftsteller wie William Morris oder J. R. R Tolkien hätten vorgelebt, dass Kunst nur wertvoll ist, wenn sie egalitär ist.

Man könnte auch sagen, grosse Fantasy-Autoren und -Autorinnen sind wie Marduk Weltenbauer. Sie sind die Demiurgen der Fantasie. Sie arbeiten mit jenem Material, das die Fähigkeit besitzt, Bewusstsein zu erweitern und vielleicht sogar zu verwandeln. Kunst zu betreiben sei eine transformative Kraft, sagt denn auch Howe. In Basel spricht er damit nicht nur zu den Personen, die bereits kreativ tätig sind, sondern auch zu jenen, die ein kreatives Hobby betreiben, an einem Computerspiel basteln oder an den Wochenenden an einer Science-Fiction-Geschichte schreiben.

Wir alle sind durch den Zugang zu digitalen Tools Prosumers geworden, gleichzeitig Produzenten und Konsumentinnen. Das Internet und die sozialen Medien sind heute geflutet mit Bildern, Comics und Erzählungen von Fans, die den Originalen der AutorInnen nahekommen, und gar von anderen Fans als ernstzunehmende kreative Beiträge verstanden werden. Den Prosumers an der Messe Basel steht Howe Vorbild, wenn er erzählt, dass er seine eigene Wahrheit erst begreife, wenn er versuche, sie auf Papier zu bringen, wenn er etwa Text in Bild übersetze. Wenn ihm das gelinge, vermittle das Bild eines Raben oder eines Zauberers tausendmal mehr als viele Sätze. Inspiration um Inspiration, Bild um Bild verstehen Künstlerinnen und Künstler sich selbst und die Welt.

Ein Vorreiter der Drachenreiter-Fantasy-Romane ist Christopher Paolini bzw. sein Epos um den Menschen Eragon und seinen Drachen Saphira[13]. Paolini ist noch nicht zwanzig Jahre alt, als er den ersten Teil von Eragon schreibt. Autoren wie er schaffen Fiktionen einer gerechteren Welt, vor allem aber auch einer Welt, die anders tickt. Eragon steht in einer telepathischen Kommunikation und in engster Beziehung zu seinem Drachen Saphira. Diese Einheit von Mensch und Monster – oder zumindest die Sehnsucht danach –, wirft einen Blick zurück in eine Zeit vor der Aufklärung und gleichzeitig einen in die Zukunft. Denn vielleicht ist es gerade heute wieder essenziell, den Graben zwischen Materie und Geist aufzubrechen, denjenigen zwischen Mensch und Tier oder Pflanze.

Ich und mein roter Drache atmen auf. Nach all der Verunglimpfung der Drachen im Christentum schliesst sich in gewisser Weise mit der einvernehmlichen Beziehung von Fabelwesen und Mensch der Kreis endlich wieder: Die Drachen erhalten den Platz zurück als magische Wesen, den sie in den ersten Schöpfungsmythen einnahmen. Die Naturgewalten, die sie verkörpern, werden in diesen Fantasy-Produkten zum Wohle der Menschheit eingesetzt und nicht zu deren Schaden. Mehr noch, es ist die Verbindung und Mensch und Monster, der das Duo im Kampf für das Gute so effizient macht. Das Zusammenfliessen des Bewusstseins von Reiter und Drachen ist eine machtvolle Mischung. Das ist Drachenbewusstsein.

Paolini ist einer jener Schriftsteller, der die Schauplätze des Geschehens sehr wichtig nimmt. Er verwendet unendlich viel Mühe darauf, die Welten der Menschen, der Zwerge, der Urgals − dreinschlagende Raubeine − oder der Elfen bis in jedes kleinste Detail zu beschreiben. Wie ein Anthropologe geht er ans Werk und erzählt nicht nur von den Orten, an denen diese fantastischen Völker wohnen, sondern auch von deren Werthaltungen, Denk- und Verhaltensweisen. Was mich an seinen Romanen so fasziniert, ist, dass die Orte in gewisser Weise das Bewusstsein der jeweiligen Stämme und Völker repräsentieren. Wie könnte es auch anders sein, denn Zwerge leben im Innern der Erde und Elfen in den Bäumen ihrer verzauberten Wälder. Sie sind, was sie sind, wegen der sie umgebenden Natur.

Doch wie weit reicht die Verzauberung, die diese Autoren und Autorinnen in uns heraufbeschwören? Kriegen wir dank ihnen Lust darauf, es mit der Welt aufzunehmen, wie sie heute angesichts der Klimakrise ist? Wenn wir in unserer Freizeit mit den Drachen fliegen, trägt uns dies weiter in die Wirklichkeit eines sich erwärmenden Planeten?

20.

Ich erinnere mich an mein Erlebnis in den Beatus-Höhlen am Thunersee: Mehrmals halte ich dort kurz inne und frage mich, ob ich den Drachen spüre, der einst hier gewohnt haben soll. Ich richte mich an meinen roten Drachen, der jedoch schweigt, was mich ein wenig irritiert. Doch auch ohne ihn ich fühle etwas: Die Masse an Berg über mir ist mächtig, schwer, gewichtig. Die Kraft des Berges legt sich fast wie ein Helm um meinen Kopf. Alles fliesst, vibriert, tropft, knirscht… Das Wasser donnert durch die Felsen. Diese sind zwar hart, aber nicht statisch, im Gegenteil: Dynamik, Entwicklung und Veränderung der Höhle sind als Geschichte am Gestein ablesbar. Der Berg ist nicht toter Fels, sondern ein Gewebe von Prozessen, Geschiebe, Erosion, Oxidation und Verkalkung, von Bewegung in Raum und Zeit, die sich stetig fortsetzt. Ich fühle mich plötzlich wie eine Drachenreiterin, wenngleich ohne Drachen, denn ich verschmelze für kurze Augenblicke mit dem Berg.

Die Gesamtheit dieser Prozesse im Berg ist nichts, was ich kognitiv erfassen könnte. Denn ich krieche förmlich, einem Tunnelwurm nicht unähnlich, durch die Gänge und Gewölbe, ohne zu wissen, wie viel Masse über mir, wie viel unter mir liegt. Wie nahe ich der Oberfläche bin oder wie tief im Berg drin. Was passieren würde, wenn mehr oder weniger Wasser durch die Höhle flösse. Langsam drängt der Druck um meinen Kopf in Richtung Schmerz, so dass ich mich zur Beruhigung daran erinnern muss, wie sehr ich mich auf die Belohnung aus Kaffee und Kuchen im Restaurant freue. Ein Fluchtpunkt, Sicherheit, Luft. Hier, unter der Erde, sind wir Menschen nicht in unserem Element. Die Zwerge und mein roter Drachen aber schon. Als ich draussen tief durchatme, bin ich dennoch überzeugt davon, dass ich so etwas wie Drachenbewusstsein erlebt habe. Ich habe den Berg erlebt, seine Kraft. Sekundenweise war ich der Berg.

21.

Ich finde in Basel, auf der nicht ganz ernst zu nehmenden und dennoch sehr wirkmächtigen Ebene der Populärkultur die Rehabilitation dieses Drachenbewusstseins wieder. Ich meine damit jene Fähigkeit von uns Menschen, uns als Teil des Planeten und als gleichberechtigte Partnerin nichtmenschlicher Lebensformen zu verstehen, die diese Erde bevölkern. Doch das alles muss auch jenseits von Fantasy individuell wahrgenommen, geübt und integriert werden. Mir scheint, dass zusammen mit einem kognitiven Verständnis der Ereignisse, die uns bevorstehen, dieses sowohl körperlich wahrnehmbare wie transzendierende Drachenbewusstsein eine Voraussetzung dafür ist, hellhörig, wachsam und aufmerksam zu sein für alles, was heute auf unserem Planeten passiert und was wir für ihn tun können.

22.

Wie schon gesagt, die Kultivierung eines Drachenbewusstseins – sowohl einzelner Personen wie auch im Kollektiv – ist eine der Bedingungen, um im Anthropozän zu überleben. Wissenschaftliche Erkenntnisse allein werden uns nicht retten. Vielen Menschen fehlt damit ein Verbindungsglied, eine Übersetzung, die ihnen die Wichtigkeit einer Naturbeziehung näherbringt. Wir Zeitgenossen sollten die Trennung von Mensch und Natur aufheben oder zumindest punktuell durchbrechen können. Nicht um uns wie Urmenschen vor den Drachen zu verneigen, sondern um die Kraft der Naturgewalten im Guten wie im Bösen zu erfahren. Zu erleben, was im Wesentlichen einen Berg ausmacht oder einen Wald oder eine Libelle… das sind die Erlebnisse, die ermöglichen, dass wir unserer natürlichen Umwelt auf jenem Niveau begegnen, das eine Beziehung überhaupt möglich macht.

Denn das Drachenbewusstsein bedeutet die Fähigkeit, sich gleichzeitig als Teil und als Beobachter der Naturkräfte zu erfahren – ähnlich wie die Drachenreiter in der Fantasy-Literatur mit ihren Drachen verschmelzen und doch ihre menschliche Perspektive bewahren. Diese Art des Bewusstseins ist im Anthropozän essentiell, weil sie uns ermöglicht, die Auswirkungen unseres Handelns auf die Natur unmittelbar zu spüren, nicht nur abstrakt zu verstehen und die Naturkräfte nicht als feindlich zu betrachten, sondern als Teil unserer selbst.

 

 

 

Bibliografie

  • Witzel, M. E. J. (2012). The origins of the world’s mythology (pp. 1–36). Oxford University Press
  • Holtzhauer, Sebastian. Universität Hamburg (n.d.). Fantastic beasts and where to find them. Monster und Fabelwesen in der Literatur des Mittelalters. https://Fantastic-Beasts.Blogs.Uni-Hamburg.de/
  • Zhao,Q. (1992). A study of dragons. East and West. (Vol. 11). Asian Thought and Culture
  • Schwerdt, W. (2010). Andre Zeiten, andre Drachen. Eine Kulturgeschichte der Drachen. Vergangenheitsverlag

[1] Und natürlich hat auch J.K. Rowling sich unverhohlen an den Basilisken-Sagen bedient.

[2] Cressida Cowell: How to train your dragon.

[3] ein Weltenschöpfer

[4] In meinem Essay «Auf Augenhöhe mit dem Tiber» habe ich ebenfalls darauf hingewiesen, dass Vergils «Äneis» durch Legendenbildung zur Legitimation und Ehre des Kaiserreichs von August gereichen sollte.

[5] Ich denke etwa an Guanyin, die asiatische Göttin des Mitgefühls und der Wunder.

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_(Heiliger) (accessed 3. Juni 2024).

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Legenda_aurea.

[8]   Auf der englischen Flagge prangt das Georgskreuz. Und Wales hat einen roten Drachen als Flagge.

[9] Offenbar ist man sich schon im Mittelalter nicht einig, wie das Mischwesen Basilisk entsteht, ob aus dem Ei eines Hahns oder aus dem einer Kröte. Gemeinsam ist diesen Vorstellungen jedoch das Konzept der widernatürlichen Geburt. Nach den Spezialisten der Uni Hamburg soll sich J.K. Rowlings Darstellung eines Basilisken an die Schriften von Hildegard von Bingen anlehnen, und die liest sich dann so, ein Basilisk ist ein Wesen, „which is born from a chicken’s egg (and) hatched beneath a toad“. (https://fantastic-beasts.blogs.uni-hamburg.de/)

[10] China verfügte über eine sogenannte hydraulische Wirtschaft. Die Kontrolle von Wasser im Rahmen des Reisanbaus war unerlässlich. In den Volksmärchen Chinas gibt es darum auch böse Wasserdrachen, denn nicht immer verhielten sich diese, die das Element des Wassers regierten, zum Wohlgefallen der Bauern.> sollte diese Fussnote nicht eher auf die nächste Seite kommen, wo es um das hydraulische chinesische System geht?

[11] Die Bibel: Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift; Psalmen und Neues Testament, ökumenischer Text (Gesamtausgabe). Stuttgart: kbw, Bibelwerk, 2008. Offb. 12,3.

[12] Vgl. Die Bibel, Offb. 12,7−10. Aus: https://fantastic-beasts.blogs.uni-hamburg.de/der-drache-pfetan-in-wirnts-von-grafenberg-wigalois/#easy-footnote-bottom-26-352 (accessed 3. Juni 2024)

[13] Später wird Eragon zum Vorbild anderer Drachenreiterinnen wie im Moment gerade die viel bejubelte Rebecca Yarros mit der Reiterin Violet Sorrengail des schwarzen Drachen Tairn. Dass Sorrengail eine Beziehung mit zwei Drachen eingeht, mit Andarna, verdeutlicht aber auch den Unterschied zu Paolini. Alles in Yarros zwei Romanen ist laut, übertrieben und effekthascherisch.